Zu Hause bei der Wahrheit

ES war einmal die Wahrheit. Sie war erst geboren, klein und schutzlos und fühlte sich allein. „Warum ist niemand bei mir? „dachte sie und wurde traurig. Sie schaute sich um und beschloss, etwas gegen diesen Zustand zu unternehme. „Jammern kann ich spaeter. Jetzt suche ich Freunde.“

Sie packte alle ihre Habe zusammen und machte sich auf den steilen und mühsamen Weg. Sie wanderte tagelang und wochenlang, durch Wüsten und Wälder , durch Seen und Gebirge. Sie bemühte sich, Gleichgesinnte zu finden, aber je weiter sie lief, desto klarer wurde es, dass sie ganz mutterseelenallein auf der Welt war.

Sie setzte sich auf einen Stein und weinte. Die Tränen flossen und flossen, und zu ihren Füssen bildete sich eine Pfütze. „Bitte, weine nicht mehr, ich ertrinke“, piepste da ein Stimmchen. „Bitte, bitte, einfach nicht mehr weiterweinen“. Erstaunt schaute sich die Wahrheit  nach der Stimme um und sah ein  kleiner Grashüpfer, der verzweifelt gegen die reissenden Fluten der Pfütze kämpfte. Vorsichtig hob sie ihn auf und setzte ihn neben sich ins Gras. “ Ja, du hast ja recht, ich werde nicht mehr weinen. Aber kannst Du mir vielleicht helfen? Weisst du, wo ich Freunde finden kann?“

„Ich kenne auch nicht vieles hier auf der Welt. Aber wenn du weiterläufst, dann wirst Du eine Türe sehen. Dort steht: „Gott“. Geh doch mal dort hinein und frage nach Freunden.“

„Danke, das werde ich tun“, sagte die Wahrheit und raffte sich auf, um diese Türe mit der Aufschrift „Gott“ zu finden.

Nicht lange, und sie sah sie. Alt sah sie aus und zerfurcht. Vorsichtig öffnete die Wahrheit die Türe und spähte hindurch. Völlig verblüfft blieb sie wie angewurzelt stehen. Da stand sie plötzlich vor einem Meer aus Türen: Grosse und kleine, Neue und Alte, Rostige und Blecherne, solche aus Gold, die im Lichte glänzten und solche aus Silber. Andere schwarz und dunkel und ablehnend. Es war einfach zuviel. „Wo soll ich nur anfangen?“ dachte sie bei sich und wollte schon wieder verzweifeln, da sah sie eine Türe mit der Aufschrift „Weisheit“.

„Vielleicht ist dies mein Freund?“ dachte sich die Weisheit und klopfte an. „Was willst Du? “ fragte eine Stimme.

„Ich bin die Wahrheit und suche Freunde“.

„Da bist du falsch bei mir, was soll ich mit Dir? Ich bin die Weisheit, ich brauche keine Wahrheit!“

Traurig wandte sich die Wahrheit ab und ging zur nächsten Türe. „Reichtum“. „Klopf, klopf“. „Wer ist da?“ schnarrte es .

„Ich bin die Wahrheit und suche Freunde.“

„Da bist du falsch bei mir. Ich brauche keine Freunde. Ich bin reich, das genügt.Was soll ich mit Wahrheit? Geh weg.“

Noch trauriger suchte die Wahrheit weiter und fand: „Intelligenz“. „Das tönt gut,“dachte die Wahrheit, „Intelligenz braucht es, um mit der Wahrheit umgehen zu können.“

„Hallo, jemand zu Hause? Ich bin die Wahrheit und suche Freunde“.

„Scher dich weg, ich bin beschäftigt, meine intelligenten Freunde und ich brauchen keine Wahrheit, wir haben unseren Verstand, dies ist genug.“

Ganz niedergeschlagen ging sie weiter. Aber wo immer sie auch klopfte, die Antwort war stets ein „scher dich weg“. Die Schönheit, die Ruhe, der Mut, die Armut, die Güte…Alle genügten sich selbst und brauchten nicht auch noch Wahrheit.

„ja , aber wo ist denn dieser Gott? Der muss doch auch noch irgendwo sein!“ „Dies ist meine letzte Hoffnung, dann gebe ich auf…“ sprachs und sah eine Türe mit der Aufschrift „Gottes Religionen.“ „Das muss es sein,“ dachte sie und voller Vorfreude öffnete sie die Türe, ohne anzuklopfen. Aber oh Schreck, was sah sie da:

Berge von Gold. Auf riesigen Haufen. Daneben Gewehre, Panzer, und neben diesen ,  grausige  Berge von abgeschlagenen Köpfen mit stumpfen Augen, die sie anklagend anstarrten. Ein Kreuz stand in der Mitte und viele Menschen küssten und huldigten diesem. Verwirrt blickte sie zur Seite. da sah sie einen Haufen Steine. Blutige Leiber, zerstückelt, eine Steinplatte in der Mitte und Menschen, welche sich darum scharten und versuchten, die Platte zu vergraben, sie arbeiteten wie wild, damit niemand diese Platte mehr sehen konnte.

Noch verwirrter ging sie noch ein Stück zur Seite. Da sah sie Buddha und seine Anhänger, sah eine Kuh und viele Leute, die sie umgaben und streichelten, sah viele Männer, die predigten und Menschen die in Verzückung erstarrt ihnen zuhörten,  andere beteten auf blutroten Teppichen. Zuletzt fand sie ein leuchtendes Buch, es lag  am Boden. Sein Licht , wurde jedoch fast erdrückt durch einen riesigen Berg Bücher , welche aufgestapelt auf  ihm lagen. Millionen von Leuten küssten das Licht im Dreck und gingen dann zu den Büchern, um jene zu lesen.  Das Licht am Boden wurde nicht beachtet. Ein schwarzer Stein wurde geküsst und gehuldigt.

Die Wahrheit rannte davon. Rannte weg von diesem Blut, diesem Geschrei, diesem Gewimmel von Lebenden und Toten. Sie war am Ende. Niemand wollte die Wahrheit. Niemand.

Da hörte sie eine Stimme. „Du hast falsch gesucht. Dort wirst du keine Freunde finden.“

„Wer bist Du?“ fragte die Wahrheit.

„Ich bin der , den sie Gott nennen“.

„Aber, ich war ja dort. All dies Leid. Das Blut. Der Tod. Die Heuchelei….“

„Das war nicht ich. Das waren die Menschen , welche Systeme erfanden in meinem Namen. Nimm , ein Geschenk von mir. Aber sei vorsichtig.“

Das Geschenk war ein Paar leuchtender Flügel. Glänzend und wunderschön. Ehrfürchtig legte die Wahrheit die Flügel an und – flog.

Sie flog. Und flog. Und flog. Und fand tausende von Wahrheiten. Alle besassen sie Flügel und der Himmel war erfüllt von dem Brausen ihrer Schwingen. Es war wunderschön. Die Wahrheit jauchzte. Es war herrlich. Sie vergass alle Pein und alles Leid. Sie vergass und flog.

Aber sie flog zu weit. Die Sonne verbrannte ihre Flügel. Sie erinnerte sich “ Sei vorsichtig“ . Ja, aber es war zu spät. Es war vorbei.

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