Kila rennt

Ach , ich war ja so gluecklich!!! Keine Angst mehr vom Schlachter, keine Angst mehr, abgefuehrt zu werden, KEINE ANGST MEHR! Jeden morgen jubilierte mein Herz, wenn es die aufgehende Sonne sehen durfte und dann MUSSTE ich tanzen. Eine tanzende Kuh? Ja, ich bin eben nicht nur schnell, sondern auch talentiert…. Auf drei Pirouetten jeden morgen bringe ich es locker….

Inzwischen hatte ich auch Zuschauer, Khaled und seine Schwester standen jeden Morgen am Fenster zum Hof und klatschten begeistert im Takt, bevor Khaled mir mein Fruehstueck bringt: einen riesigen Haufen frischen Grases, das er extra fuer mich geschnitten hat.

Und da meldet sich immer mein schlechtes Gewissen, wenn ich sehe, wie meine neue Familie altes Brot in Wasser tunken muss. Keine Milch, kein Kaese, kein Fleisch (sowieso nicht!!) nur immer Falaffel fuer einen Genee (vergleichbar mit einem Franken) und das subventionierte Brot, zehn Stueck fuer einen Genee. Kleider gab es ,wenn ueberhaupt , einmal pro Jahr beim Eid (das jaehrliche Opferfest, dem ich entronnen war) , sonst wurden immer die alten loechrigen, zerschlissenen Lumpen getragen und weitergegeben. Aber niemand klagte. Ich hoerte immer nur, ‚Al Hamdulillah,‘ Gott sei Dank.

 

Aber ich war doch jetzt da und hatte versprochen zu helfen! Da ich alles Getier hasse, welches hohe Toene spuckt, aber nichts tut – wie zum Beispiel der geckenhafte Hahn, der nur dauernd seine Klappe aufreisst und herumstolziert – beschloss ich nun, Naegel mit Koepfen zu machen.

Heute komme ich mit auf den Markt“, sagte ich nachdem ich meinen Berg verspeist hatte. Khaled musste jeden Tag mit den paar Eiern der Huehner im Markt sitzen, um jene zu verkaufen. Er hatte eine Schule noch nie von Innen gesehen. Seine Mutter gab ihm manchmal noch selbstgeflochtene Koerbe mit. Seinen Vater sah er fast nie: fruehmorgens ging er fort und kam spaetabends heim, todmuede und kaputt. Aber Geld brachte er nicht viel mit. Es war nicht genug zum Leben und zuviel zum Sterben.

 

Jalla, komm reit auf mir!“ Mit einem Satz schwang sich Khaled auf meinen Ruecken und dann sausten wir die Strasse runter. JUHUI! Jauchzten wir beide, toll vor Freude. Ploetzlich sah ich etwas, ein riesiges Plakat war ueber die Strasse gespannt, „Pferderennen in Kairo“ las ich und bremste, indem ich meine Hinterbeine in den Lehmboden stemmte. Der arme Khaled flog mit samt seinen Koerben und den Eiern in hohem Bogen ueber meinen Kopf und landete -zum Glueck- weich in einer Sandduene.

He, was zum…“, gestikulierte er mit seinen Haenden und strampelte mit den Beinen in der Luft. Ich wollte mich kugeln vor Lachen, „tut mir leid. Sorry, echt, wollt ich nicht. Aber schau!Das Plakat!“

Khaled strich sich den Eibrei vom Gesicht, der in Stroemen von seinem Gesicht floss und entzifferte:

Wer will gewinnen? Beim grossen Rennen in Kairo? Ein hoher Preis winkt! Anmeldung hier Tel. 0102347970 .“

 

JA, Kila, das ist es , unsere Chance! Aber ob die dort auch Kuehe zulassen?“ er wiegte bedenklich seinen Kopf hin und her.

Ach was, wir schummeln einfach. Melde mich an als ‚Schlachtross‘ , passt doch super, die ‚Schlachtkuh‘ wird zum ‚Schlachtross‘,“ ich grinste vor mich hin.

“Und dann verkleidest du mich, du bist ja kreativ. So merken sie nichts!“

 

Wenn zwei kreative Seelen zusammenarbeiten, kann sie nichts mehr aufhalten. Sofort telefonierten wir, indem wir den naechstbesten Bauern, der natuerlich ein Mobiltelefon besass, anhielten und ihn bestuermten, bis er es uns endlich auslehnte.

Name und Adresse und Rasse des Pferdes?“ schnarrte eine Stimme.

Khaled Mansour, Cowstreet in Sakkara, Name des Pferdes, Kila und die Rasse : Schlachtross!“

Ich konnte fast sein Gesicht sehen ,als er verstaendnislos fragte: „Was? Schlachtross: WAS IST DENN DAS?“

Eine neumodische Zuechtung aus der Schweiz“ entegnete Khaled todernst. Und da der Gute nicht zugeben konnte, dass er keine Ahnung von Pferden und noch weniger von der Schweiz hatte, brummelte er nur:“‘-hmmm, o.k.‘ Dann bis am Sonntag um drei Uhr.“

 

Die Tage bis Sonntag vergingen wie im Flug. Auch Mama Khaled half fleissig mit , mich zu verschoenern und naehte einen Sattel, nachdem sie zuerst sehr wuetend und traurig gewesen war wegen den verlorenen Eiern. Papa sagten wir nichts, der haette uns fuer verrueckt gehalten. Maenner verstehen halt nicht alles……

 

Ich wurde langsam zum Pferd. Mit Gips bastelten Khaled eine Pferdemaske, malte sie mit brauner Farbe an und klebte ihr einen schwarzen Bueschel Haare, die mir ein Nachbarspferd geschenkt hatte, auf die Stirn. So, jetzt brauchten wir noch die Haare fuer die Maehne und den Schwanz. Da mussten wir im ganzen Dorf fragen, aber Gott sei Dank sind die Dorfpferde niemals so hochnaesig wie jene in der Stadt und halfen alle mit. So toll! Bald schon konnte ich mich in voller Pracht praesentieren, mit Pferdemaske, Maehne und Schweif, plus Haarbueschel an den Schienbeinen sah ich echt aus wie ein Schlachtross. Eben Ross, nicht Pferd. Khaled und alle kugelten sich vor lachen, als sie mich sahen, wie ich herumstolzierte wie ein Pfau.

Die haben noch nie ein solch tolles Pferd gesehen – und werden es auch nie mehr sehen“ kicherte ich.

 

Dann war der langersehnte Tag da. Fruehmorgens standen wir alle auf , ich wurde gestriegelt und gebuerstet, und in Schale – sprich Pferd – geworfen. Dann liefen wir los. Denn Geld fuer ein Taxi oder Bus hatten wir ja nicht. Aber egal. Singend und lachend stapften Khaled und ich die Strasse entlang und , oh Wunder, nahm uns eine gute Seele mit. Dann waren wir in Kairo und die Luft stickend heiß und trocken. Es kitzelte im Hals und nach der sauberen Luft in Sakkara dachte ich, dass ich ersticken muesse. Dazu der Laerm und das Gewiesel der Leute und ein Geschrei, wie konnte ich all dies vergessen haben?

 

So schnell als moeglich quetschten wir uns durch die Masse bis zum Ziel. Dort schnell noch ein wenig Gras und Wasser und dann ab in die Startboxen. Die anderen Pferde schrieen und wieherten schadenfreudig, als sie uns sahen.

Ha ha, schaut, das ist eine Kartonschachtel auf vier Beinen!“

Lacht ihr nur, wer zuletzt lacht, lacht am besten!“

Dann der Startschuss. Peng. Und ich rannte, wie ich seit meiner Flucht nie mehr gerannt war.

Wow.

Es war einfach gewaltig. Die Luft pfiff um meine Ohren und Khaled jauchzte und schrie:

Hopp kila, hopp! Angespornt gab ich noch mehr Gas. Und ueberhoelte pfeilschnell all die haemischen Auslacher von vorher.

Wer ist nun eine Kartonschachtel?“ schrie ich nun meinerseits schadenfreudig.

Saus. Niemand konnte mit mir mithalten.!!!!! Die Armen bemuehten sich und wurden gepeitscht – hoffentlich werden die Reiter mal in der Hoelle gepeitscht dachte ich – aber es nutzte ihnen nichts. Sie hatten einfach keine Chance gegen mich! Ich war zu schnell.

 

Wir gewannen.

 

Gott sei Dank war die Preisverleihung nach Sonnenuntergang und der Strom fiel aus, so sah mich niemand genau von nahe und sie alle schluckten das ‚Schlachtross‘. Der Preis war so hoch, dass Khaled und seine Familie nun fuer ein halbes Jahr keine Geldsorgen haben mussten.

Voller Freude sah ich, wie Mama Khaled vor lauter Glueck dicke Traenen die Wangen herabflossen und als sie mich umarmte und zwischen den Hoernern kraulte und sagte: “ Danke, Kila“ ,da dachte ich sterben zu muessen vor Glueck. Sogar Papa kam und brachte einen Eimer Kleie und gruene Kraeuter, die er extra fuer mich ergattert hatte. Sagen tat er nichts, aber seine Augen, welche sonst immer tief in den Hoehlen lagen und traurig blickten, leuchteten und strahlten.

Khaled dekorierte meinen Stall mit vielen Pappherzen und hunderten Ballonen und wir feierten die ganze Nacht und sangen und tanzten und dankten Gott fuer dieses Geschenk.

 

Dann schliefen wir alle im Hof ein, ich in der Mitte und meine ganze Familie kuschelten sich an mich. Der Himmel konnte nicht schoener sein.

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KILA

Es war einmal in einer grossen Stadt in Ägypten, nämlich in Kairo. Dort leben viele Menschen wie Ameisen auf einem Haufen. Dort gibt es kein grün, nur Häuser. Wohin du auch blickst, nur Häuser. Dort in einem kleinen Stall- wenn man es überhaupt so nennen darf, wurde Kila geboren. Kila die schnellste und kleverste Kuh in ganz Ägypten.

Die kleine Kila wuchs heran wie alle Kühe und Kinder: sorglos und spielend. Den ganzen Tag nervte sie ihre Mutter, weil sie, nicht wie andere Kuhkinder brav und gehorsam bei ihrer Mutter bleiben wollte, sondern sich in den Kopf gesetzt hatte, ein grosser Star zu werden. weiterlesen