Sexualisierte Gewalt in Ägypten als politische Strategie

Sexuelle Gewalt gegen ägyptische Frauen © KHALED DESOUKI/AFP/Getty Images

Die Drohung ließ an Deutlichkeit nicht zu wünschen übrig. „Ich fick dich in den Arsch“, schrie ein Soldat einer jungen ägyptischen Anwältin aus Kairo während einer Demonstration entgegen. Doch für die war das noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war der Shitstorm, der die junge Menschenrechtsaktivistin überrollte, nachdem sie sich via Twitter gegen den vulgären Angriff zur Wehr gesetzt hatte. Zwar ist in Ägypten sexualisierte Gewalt eine gängige Strategie, um Aktivistinnen einzuschüchtern. Doch auf dieses Ausmaß an Drohungen und Verbalinjurien war Eman nicht vorbereitet.

Eman ist eine schmale, junge Frau mit großen Zielen: Geschlechtergerechtigkeit, demokratische Reformen, Rechtsstaat für alle hat sie sich auf die Fahnen geschrieben. Sie trägt ein Piercing in der Nase und ein Tuch auf dem Kopf, Eman lässt sich nichts diktieren. Aktivistinnen und Aktivisten wie sie haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Revolution am Nil immer wieder in eine neue Runde ging: Erst gegen Mubarak, dann gegen die erste Militärregierung, zuletzt gegen die Muslimbrüder. Nun zeichnet sich, wenn auch sehr verhalten, eine neue Welle des Protestes ab: gegen die dauerhafte Restauration des alten Sicherheitsapparates aus Militär und Polizei.

Vor einer Woche ging Eman gegen ein neues Demonstrationsgesetz auf die Straße. Dieses soll dazu dienen, „Menschenansammlungen mit allen vorhandenen Mitteln aufzulösen, wenn diese die nationale Sicherheit bedrohen“. So steht es im Gesetzesblatt der ägyptischen Übergangsregierung. Die Regelung ist ein Blankoscheck für staatliche Gewalt gegen alles, was nach Opposition aussieht: „Klar, dass ich am Tag des Inkrafttretens gegen dieses Demonstrationsgesetz demonstriert habe“, erklärt Eman.

Bei diesem Anlass kam es dann zu dem Übergriff des Soldaten. Noch während dieser vor ihr stand, twitterte die 23-Jährige ihre Empörung: „Ein Soldat bedroht mich, dass ich verschwinden soll, oder er ficke mich in den Arsch. Ich bin angewidert, kann das nicht in Worte fassen.“ In der ersten Stunde passierte nicht viel, acht von Emans Freunden empörten sich mit ihr, retweeteten in Solidarität mit der jungen Frau. Als die Anwältin am nächsten Morgen ihr Handy anschaltete, fand sie fast 400 Kommentare unter ihrem Eintrag. Ein digitaler Mob trat verbal nach: „Hast du verdient, du Nutte!“, „Ich werde dich das nächste mal hart von hinten nehmen, wenn du auf die Straße gehst“, „Ist das dein Gesicht oder dein Arsch?“, sind noch die harmlosen Kommentare. Viele Beleidigungen beziehen sich auf Emans dunkle Hautfarbe. Sie ist Nubierin.

Doch der Shitstorm fand nicht nur auf den Facebook- und Twitter-Profilen der Aktivistin statt: Unter dem Hashtag #Eman verbreiteten User Bilder der jungen Frau und riefen die Netzgemeinde dazu auf, sie zu suchen und zu vergewaltigen. Jemand richtete eine Seite auf Facebook zur „Solidarität mit Emans Arsch“ ein. Hier zeigt sich die Herde besonders kreativ. In Gedichten verpackt werden praktische Anweisungen zur Vergewaltigung von Frauen erklärt, besonders diejenigen, die die Ehre des Militärs beschmutzen, sollen „bluten“.

Wer sind diese Männer und Jungs, die sich, wie sie sagen, „Revolutionshuren“ auf der Straße und im Netz „vorknöpfen“? Im Fall von Eman trägt derjenige, der als Erster negativ auf ihre Twitter-Botschaft reagierte, den Namen Ahmed. Er lancierte die ersten beleidigenden Kommentare und stachelte in anderen Diskussionsforen weiter an, mittlerweile führt er eine regelrechte Kampagne gegen Eman. Auf seinem öffentlichen Facebook-Profil posiert er stolz mit seinen Muckis. Der Mann steht zu seinen Überzeugungen.

Ahmed hat an einer Eliteuniversität studiert, arbeitete laut eigenen Angaben nach seinem Abschluss bei einem internationalen Telekommunikationsunternehmen, wechselte aber schnell in den „Staatlichen Sicherheitsbereich“. Der 23-jährige liebt „dicke Autos, fette Möpse“, posiert auf einem Bild mit Freunden den Hitlergruß zeigend. Er verachtet Kondome, wenn er „Bitches bumst“, schreibt Ahmed, nur um in einem ergänzenden Kommentar alle Frauen als „Bitches“ zu bezeichnen. Diejenigen, die das Militär beleidigten, seien freilich „Superbitches“.

Es stehen erstaunlich viele, authentische, öffentliche Informationen im Netz, dabei kennt Ahmed Eman gar nicht persönlich. Seine Kommentare und Beiträge finden sich über drei Tage verteilt in vielen Foren, seine Freunde machen gerne mit, haben Spaß daran. Vulgäre Beiträge aus dem Ausland, vor allem von Ägyptern in Golfstaaten, werden wie Trophäen gefeiert.

Doch die Horde besteht nicht nur aus anscheinend staatsnahen Sicherheitsmännern. Viele Trolle, die sich über Eman hermachen, sind nicht eindeutig in eine Kategorie einzuordnen. Rund ein Viertel trägt das Protestsymbol der Muslimbruderschaft auf dem Profil, ein anderes Viertel beschimpft die Brüder als Tiere, gönnt ihnen Verfolgung und Verbot ihrer Organisationen und stellt sich auf die Seite der säkularen Parteien.

Viele minderjährige Kommentatoren gehören den Fußballultras des Kairoer Vereins Al-Ahly an. Während der Revolution gegen Mubarak und den Obersten Militärrat vor drei Jahren spielten sie eine Schlüsselrolle in der Mobilisierung auf dem Tahrirplatz. Auch einige Frauen wettern gegen die junge Aktivistin, ihr geliebter General Abdel Fattah al-Sisi ist ihnen heilig, sie greifen Eman teilweise aggressiver an als so mancher testosterongesteuerte Mann.

Hotline für ehrenhafte Bürger

Die Drohung des Soldaten steht für mehr als eine Pöbelei. Sein „Ich fick dich in den Arsch“ ist Teil einer Strategie, die von oben und von unten gegen Aktivisten und Aktivistinnen jeder Couleur angewendet wird. Erinnert sei an das Mädchen mit dem Blauen Büstenhalter, das von Soldaten ausgezogen und über den Tahrirplatz geprügelt wurde. Sie wurde von „ehrenhaften Bürgern“ verurteilt, die um ihre Sicherheit fürchten und im Zweifelsfall zu den Sicherheitskräften halten. Die ägyptische Polizei hat diese Woche eine Hotline eingerichtet und eben diese „ehrenhaften Bürger“ aufgerufen, „Verbrecher, die die Institution des Militärs beschmutzen und beleidigen“ zu melden. Der Service ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.

Den digitalen Feldzug gegen eine mögliche neue Runde der Revolution begleitet eine reale, auf die Genitalien der Herrschaftskritiker zielende Gewalt. In den letzten Tagen wurden männliche Aktivisten an ihren Penissen gepackt, in Polizeiautos gezerrt, in Gefängnissen misshandelt, auch sexuell. Mehrere junge Frauen, die auch gegen das neue Demonstrationsgesetz mobil machen wollten, wurden in einem Polizeiwagen dutzende Kilometer in die Wüste gefahren und nachts alleine, ohne Mobiltelefone, ohne Orientierung ausgesetzt. Die „ehrenhaften Bürger“ machen mit bei der Jagd nach den „Huren und Schwuchteln“, die die Nation verraten.

Sie sei mit den Nerven am Ende, sagt Eman. Sie könne nicht mehr schlafen. Die Einschüchterungsstrategie der sexualisierten Sicherheitspolitisierung des Regimes und seiner Fans auf Facebook, Twitter, auf den Straßen und Plätzen Ägyptens zeigt Wirkung. Dennoch rappelte sich Eman in der vergangenen Woche wieder auf, ihre Profilseite wird nun von Solidaritätsbekundungen überflutet, also lies sie ihre Freunde und Feinde wissen: „Ich werde weitermachen, wie gehabt! Fickt euch doch selbst, ihr Schlappschwänze!“

Mohamed Amjahid

Originalartikel: http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-12/aegypten-menschenrechtsaktivistin-shitstorm-sexuelle-gewalt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s