Das Militär macht, was es will

Mursi-Anhänger und Gegner eint ihre Desillusion über das Regime. von Paul Nehf

Kairo Ägypten Proteste© dpa

Ahmet Zahani* sitzt in seinem Büro im Kairoer Stadtteil Mohandessin und lacht: „Ich bin doch kein Muslimbruder, aber ich unterstütze trotzdem Mursi.“ Immer noch. Ahmet ist Manager einer Reiseagentur. Er hat ein schönes Büro, kommt viel herum in der Welt. In Kairo besitzt er einige Immobilien. Eine seiner Wohnungen in Downtown hatte er zuletzt an deutsche Studenten vermietet, drei Jungen und ein Mädchen. Eine gemischte WG, eine absolute Ausnahme in Ägyptens Hauptstadt und den Muslimbrüdern sicherlich ein Dorn im Auge.

Ahmet könnte viele Gründe haben, sich auf die Seite des Militärs zu stellen, an die Seite General Abdel Fattah al-Sissis, der seit dem Sturz der Regierung des ehemaligen Präsidenten Mohamed Mursi der neue starke Mann in Ägyptens Politik ist. Doch Ahmet tut das nicht. Stattdessen nennt er Al-Sissi einen „Mörder“, die Übergangsregierung ein „kriminelles Regime“.

Ahmet sitzt in seinem großen Ledersessel und ist empört. Er empört sich darüber, dass der vom Volk gewählte Präsident Mursi im Gefängnis sitzt und die alte Militärclique aus Mubarak-Zeiten wieder an der Macht ist. „Für sie ist die Revolution gegen Mubarak ein Fehler gewesen, den sie jetzt korrigiert sehen“, sagt Ahmet. Er empört sich, dass weltweit berichtet wurde, dass am 30. Juni 20 bis 30 Millionen Ägypter gegen Mursi auf die Straße gegangen seien, was vollkommen realitätsfern sei. „Der 30. Juni wurde vom Militär exzellent arrangiert und inszeniert“, sagt Ahmet. Er empört sich auch darüber, dass die Muslimbrüder und ihre Anhänger nun verfolgt werden. Die Polizeigewalt, so Ahmet, sei unter dem „Regime al-Sissis“ so schlimm wie selbst unter Mubarak nicht.

Freitags wird der Tahrir prophylaktisch gesperrt

In Kairo dominiert seit dem Sturz Mursis das Militär das Straßenbild. Überall stehen Panzer, sieht man Stacheldraht und Checkpoints. Sie deuten an, wer in Ägypten – zumindest vorläufig – die Macht übernommen hat. Und die neue Marschroute der Übergangsregierung ist klar: Die unbeherrschte Macht der Straße soll künftig kontrolliert werden. Dazu dient auch das neue Gesetz, dass das Demonstrationsrecht einschränkt. Proteste dürfen nun aufgelöst werden, wenn sie etwa den Verkehr behindern. Das trifft auf fast jede Kundgebung zu.

Freitags jedoch, wenn für gewöhnlich die Muslimbrüder nach dem Gebet demonstrieren, sperrt das Militär den Tahrir-Platz quasi prophylaktisch ab. Dass es damit selbst erheblich in den ohnehin katastrophalen Straßenverkehr der Hauptstadt eingreift, weil der Platz eigentlich ein großer Kreisverkehr ist, stört sie dabei nicht.

Es sind genau solche Ambivalenzen, über die sich viele Ägypter ärgern. Younes*, 26 Jahre alt, arbeitet im Marketingbereich eines Handyherstellers. Auch er ist gegen das Militär und wünscht sich eine Rückkehr Mursis, doch wie Ahmet geht auch er dafür nicht auf die Straße. Warum auch, wenn am Ende das Militär ohnehin mache, was es will, sagt er verbittert. Warum werden jetzt Demonstrationen verboten, wenn doch das Militär die Proteste gegen Mursi unterstützt hatte, fragt Younes. Mursi habe man dafür ausgelacht, dass er in nur einem halben Jahr eine Verfassung ausarbeiten ließ. Das Militär mache es nun in drei Monaten. „Und alles hinter verschlossenen Türen, bei Mursi konnten wir alles im Internet nachverfolgen.“

Als vor ein paar Wochen ein Fußballspieler ein Tor mit dem Zeichen der Rabaa-Bewegung, den Militärgegnern also, bejubelte, wurde er kurzerhand von seinem Klub suspendiert. Al-Sissi dagegen, erklärte Ägyptens Sportminister Taher Abou-Zaid daraufhin, dürfe auf dem Platz durchaus gehuldigt werden – schließlich handle es sich um eine nationale Ikone.

Eine Ikone, so seine Gegner, unter der ein großer Teil des Volkes leidet. „Jeden Tag sterben Menschen wegen al-Sissi“, sagt Younes, als er am Hauptsitz des ägyptischen Geheimdienstes im Stadtteil Nasr City vorbeifährt. Dort, wo die berüchtigten unterirdischen Gefängnisse liegen und die Muslimbrüder viele ihrer Anhänger vermuten.

Aber auch im Alltag leiden die Menschen. Wenn das Militär kurzerhand Straßen und Viertel absperrt, sieht man etliche Leute am Straßenrand stehen, die auf Busse warten, die nicht zu ihnen durchkommen. Und an den Straßenlaternen daneben hängen Plakate, auf denen das Militär Werbung für die Verfassung macht. „Zustimmung zur Verfassung bedeutet Ja zum 30. Juni“, steht da. Und erst darunter ist hinzugefügt, „bedeutet Ja zum 25. Januar“, also die Revolution gegen Mubarak 2011. „Aber was in der Verfassung steht, weiß kein Mensch“, sagt Ahmet.

„Wir werden noch eine Revolution erleben“, glaubt Younes, „eine blutige.“ Und auch Ahmet bedient sich bei diesem Thema eines kräftigen Vokabulars. Die gegenwärtige Situation könne nicht auf Dauer funktionieren, sagt er, das Volk werde gegen das Militär aufbegehren. „Dann wird es einen Sieger und einen Verlierer geben, und der Verlierer stirbt. Und das Militär kann ja nicht alle Demonstranten töten.“ Bis in die mittleren Positionen müsste im Sicherheitsapparat das Personal ausgetauscht, die Machtclique der Militärs endlich zerschlagen werden. Das sei nach der Revolution 2011 verpasst worden. Und auch Mursi griff nicht durch. „Aber wie auch? Er hatte wichtige Gegner in der Justiz, dem Militär, der Polizei und den Medien“, sagt Ahmet.

Der ideologische Riss zieht sich sogar durch Familien

In der Tat nahmen in den vergangenen Tagen die Proteste wieder zu. Die Muslimbrüder und die Rabaa-Bewegung sowie liberale Gruppen demonstrieren. Auch viele Studenten an den Universitäten. Doch die Größenordnung bleibt überschaubar, die Polizei löst bislang alles mit rigorosem Einsatz von Tränengas rasch auf. Und dem Eifer der Demonstranten stehen viele Faktoren gegenüber: die Sicherheitskräfte, die Anhänger al-Sissis, die weitverbreitete Wut auf die Muslimbrüder und besonders die Politikverdrossenheit vieler Ägypter.

Karim, 25 Jahre alt, besitzt ein Hostel in Kairos Downtown, nur ein paar Meter vom Tahrir-Platz entfernt. Karim war beim Sturz Mubaraks aktiv dabei, er wurde im November 2011 bei den berühmten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei in der Mohamed-Mahmoud-Straße angeschossen. Und jetzt? „Ein bisschen verrate ich meine Revolution, aber es ist wegen des Hostels“, sagt Karim. Die Muslimbrüder hätten Ägypten zugrunde gerichtet, politisch und wirtschaftlich. „Mursi hat uns lächerlich gemacht, die Muslimbrüder waren korrupt. Am Ende haben sie aber eines geschafft: Das Volk, das Militär und die Polizei erstmals zu vereinen – gegen sich selbst.“ Er sei froh, dass al-Sissi die Muslimbrüder gestürzt habe, jetzt könne man auf Besserung auch für den Tourismus hoffen.

„Ägypten brauchte jemanden, der wieder für Ordnung sorgt, denn wir haben die Schnauze voll von all den Demonstrationen. Aber das ägyptische Volk ist wie eine Frau und zur Zeit mental sehr instabil. Es braucht daher einen starken Mann“, sagt Karim. Politisch unterstützen werde er das Militär bei Wahlen aber nicht. „Niemals“, betont er.

Die Schnauze voll von der Politik – das ist derzeit ein einendes Merkmal in der ägyptischen Gesellschaft. Denn der Riss zwischen den Befürwortern des Sturzes Mursis und den Gegnern al-Sissis zieht sich quer durch das Volk, durch Freundeskreise, sogar durch Familien. Doch wirklich streiten tun darüber die wenigsten noch. Die Desillusion über die Politik überwiegt auf beiden Seiten. „Lass uns über etwas anderes reden“, sagt Karim, als er mit Younes abends im Café sitzt, „Ägypten ist am Arsch, so einfach ist das.“ Und Younes pflichtet bei: „Deshalb wollen wir doch alle weg, ins Ausland, irgendwohin, weit weg von Ägypten.“

Originalartikel: http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-12/aegypten-protestbewegung-politikverdrossenheit

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