Charley bei der Arbeit

 Dies ist die Geschichte von Charley, einem Ochsen, der Glück hatte. Charley hat erst letzte Woche wieder jemandem zum Umdenken gebracht. »Du meinst, daraus macht man Rindfleisch?«, fragte Gretchen. Sie bürstete lose Haare aus Charleys kräftiger Flanke, woraufhin er seinen Kopf mit einem verzückten Ausdruck zur Seite neigte. »Ja, so könnte man das sagen«, erwiderte ich. Seine hübsche Kuscheloptik (und davon über 900 Kilo) macht ihn schon von Weitem zu einem idealen Repräsentanten für Großrinder seiner Art. Mit seinem sanften und neugierigen Charakter berührt er einen sofort und man fragt sich, wie man bei einem solchen Wesen nur an ein Nahrungsmittel denken kann. Wenn Menschen an der Weide vorbeilaufen, auf der Ochse Charley mit seinen Pferdefreunden lebt, oder mit ihrem Auto oder Fahrrad die kurvenreichen Landstraßen hinunterfahren, halten sie oft an, um ihm einen Besuch abzustatten. Charley kommt dann jedes Mal brav zum Zaun gestapft. Seine Neugier und Freundlichkeit kommen sofort zum Vorschein, wenn er die Besucher beschnuppert und abschleckt. Die Kinder strecken sich zu ihm hinauf und streicheln seinen massigen Kopf mit den gekräuselten goldenen Haaren. Mit seinem gesunden Auge (das andere verlor er durch eine Infektion, als er noch ein kleines Kalb war) hat er alles im Blick. Wir trafen uns in einem Tierheim in Tennessee, in dem meine Frau als Tierärztin arbeitet. Charley wurde als junges Kalb gefunden, als er nahezu blind durch die Vororte von Knoxville streifte. Er hatte nie einen Besitzer gehabt. Leider konnte sein infiziertes Auge auch durch eine intensive medizinische Behandlung nicht geheilt werden, und Adoptiveltern sind für einäugige Ochsen nicht gerade leicht zu finden. Da unser Haus schon immer eine Herberge für die schwer Vermittelbaren war, dachten wir, ein Hausochse würde zu den Hunden, Enten, Hühnern, Zugpferden, Hasen und Schildkröten gut passen. So kam es, dass Charley von nun an auf unserem kleinen Hof in den Bergen östlich der Stadt lebte. Seine späteren Stallgenossen, Cass und Rheo, waren zwei große gerettete Kaltblüter und fast 800 Kilogramm schwerer als Charley. Aber weil Charley aus einer besonders großen Zucht stammt, hatte er die Schwergewichte bald Kilo für Kilo eingeholt. Wie alle Heranwachsenden benötigte auch Charley ein wenig Bildung. Charleys erste Lehrerin war ein elfjähriges Mädchen aus Frankreich, das in unserer Nachbarschaft wohnte. Ihre Freundschaft und ihre enge Beziehung könnte daher gerührt haben, dass Anais, als eine der wenigen, Charleys Rasse – »Charolais« – korrekt aussprechen konnte. Charley lernte, wie man ein Halfter und eine Leine trägt, und er merkte sehr schnell, wie schön es ist, gebürstet zu werden. Alles klappte wie von selbst. Als wir nach Kalifornien zogen, kam Charley natürlich mit. Er reiste in einem großen Anhänger zusammen mit Cass und Rheo und wir hielten jede Nacht auf Jahrmarktsplätzen in den verschiedensten Orten Amerikas. Sanftmütig und wohlerzogen wie er ist, ging Charley alle paar Stunden zum Gassigehen hinaus, genau wie unsere Hunde. Auf die Frage, warum wir mit einem Ochsen fahren, antwortete ich immer: »Wir sind Freunde fürs Leben.« Jetzt, wo er sich schon lange an sein Leben an der Westküste gewöhnt hat, beginnt Charleys Tag damit, zur Futterstelle zu gehen und sich nach seinem Frühstück zu erkundigen. Wenn die Menschen um sieben Uhr noch nicht zum Füttern auf dem Hof sind und ein wenig Überredungskunst nötig ist, klingt seine tiefe Stimme bald durch das gesamte Tal. Obwohl er die meiste Zeit damit verbringt, auf der Weide zu grasen, wiederzukäuen und die kalifornische Sonne zu genießen, steht er Leuten, die keine Erfahrung mit Ochsen haben, immer für eine Erklärungsstunde zur Verfügung. Selbst wenn Charley in seiner Lieblingsecke in tiefsten Träumen liegt und man seinen Namen ruft, folgt unverzüglich eine Antwort – auch wenn diese womöglich etwas anders ausfällt als bei einem Hund oder einem Menschen. Er sieht den Ruf weniger als einen Befehl, sondern mehr als eine Art Einladung zu einem Gespräch. Und seine Antwort lautet meist: »Ja, also ich bin hier. Was gibt’s denn?« Spaziergänge erfolgen auf einer ähnlichen Verständigungsbasis. Charley wurde schon in jungen Jahren ans Halftern gewöhnt und seine dünne Leine ist das einzige, was man zum Führen braucht – trotz unseres Gewichtsunterschieds von gut einer Tonne. Allerdings finden sich am Wegrand desöfteren Dinge, die seine Aufmerksamkeit erregen und einer genaueren Betrachtung unterzogen werden, sodass ich gezwungen bin, seinen Wünschen nachzugehen. Es geht schließlich nichts über einen kleinen Snack zwischendurch. Ein andermal muss man für die wichtigen Dinge den Kopf geradeaus halten, die Ohren spitzen und muntere Schnaubgeräusche von sich geben. Die Summe dessen, was er im Gegensatz zu mir wahrnimmt und was ihn anlockt und ich übersehe, ist Charleys Beitrag zu meiner Bildung. Wenn ich Ruhe und Zeit zum Nachdenken brauche, gibt es nichts Besseres als einen Spaziergang mit Charley. Neben einem Geschöpf über die alte Landstraße zu schlendern, das jeden Moment seines Daseins genießt, hat mich eine Menge gelehrt. Bei all der Größe und Stärke gibt es für ihn nie auch nur den kleinsten Anlass zu Gewalt, lediglich den stillen Wunsch, dazuzugehören und jeden Tag als interessant und neu zu erleben. Immer zwischen den Möglichkeiten, sich den Rücken kraulen zu lassen oder einfach nur gedankenverloren vor sich hin zu kauen, lebt uns Charley vor, wie wir alle diese Welt betrachten könnten.

Diese und weitere Geschichten von Tieren, die es aus quälerischer Haltung auf Lebenshöfe geschafft haben, finden Sie in dem Buch Ninety-Five: Meeting America’s Farmed Animals in Stories and Photographs, das es bislang nur auf Englisch gibt.

Quelle: http://albert-schweitzer-stiftung.de

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