Die Entstehung des Christus-Mythus

 Der christliche Kult gewann Boden, nicht weil sein Dogma und seine Verheißung irgendwelche neuen Momente enthielt, sondern im Gegenteil gerade deshalb, weil beides bei vielen heidnischen Kulten die genauesten Parallelen aufzuweisen hatte. Seine Entwicklung wurde tatsächlich dadurch gefördert, dass er sich aus diesen immer neue Details aneignete. Man kann es Schritt für Schritt verfolgen, wie er die Mysterien, die Wunder und die Mythen der populären heidnischen Religionen adoptierte. Die Auferstehung Jesu geschieht wie die des Mithras aus einem Felsengrab. Und bei der heiligen Mahlzeit der Zwölf, wie sie im letzten Abendmahl dargestellt ist, wird im vierten Evangelium eine Episode erzählt, die den im Heidentum häufigen Brauch heiliger Mahlzeiten von sieben Teilnehmern verkörpert. Durch ein Wunder lässt man Christus Wasser in Wein verwandeln, wie es seit undenklichen Zeiten bereits von Dionysos geglaubt worden war. Jesus geht auf dem Wasser wie Poseidon; wie Osiris und Phöbus Apollo schwingt er die Geißel. Wie der Sonnen-Dionysos reitet er auf zwei Eseln und speist er die Massen in der Wüste. Wie Äskulap erweckt er Menschen vom Tode, gibt den Blinden das Augenlicht wieder und heilt die Kranken. Und wie Attis und Adonis wird er von Frauen betrauert und bei seiner Auferstehung von ihnen mit Freuden begrüßt. Wo die Parallele nicht vollständig ist, finden wir trotzdem noch heidnische Mythen, die Anlass zu christlichen wurden; denn das Märchen von der Versuchung Jesu ist nur eine neue Auflage eines oft kopierten altbabylonischen astronomischen Symbols, bei dem der Ziegengott (das Zeichen des Steinbocks) neben dem Sonnengott steht, — eine Szene, die von den Griechen in die Mythen von Pan, der den Jupiter auf den Gipfel eines Berges führt, von Pan und Marsyas, die mit Apollo konkurrieren, und von Silen, der den Dionysos unterweist, verwandelt worden sind. Zu alledem kommt, dass Christus in derselben Weise wie das von Ewigkeit geliebte göttliche Kind der alten Welt geboren wird. Er muss eine Jungfrau zur Mutter haben, und er muss in Windeln in der Krippe gezeichnet werden, ein Zug, der aus dem grauesten Altertum im Mythus des Jon und im Kultus des Dionysos aufbewahrt ist, bei dem das Bild des göttlichen Kindes in Prozession einhergetragen wurde. Wie Horos müsste er in einem Stall geboren werden, dem Tempel der heiligen Kuh, die das Symbol der jungfräulichen Göttin Isis, der Himmelsgöttin, war. Die apokryphischen Evangelien vervollständigten die heidnische Parallele dadurch, dass sie aus dem Stall eine Höhle machten, die die Geburtsstätte des Zeus, des Mithras, des Dionysos, des Adonis, des Hermes und des Horos ist. Aus Klugheit ließ man dieses letztere Detail aus den kanonischen Evangelien fort; aber es wurde ein Stück des populären Glaubens. Und der Geburtstag Christi war von dem gemeinen Volk schon längst ganz naiv auf den 25. Dezember, den Tag der Wintersonnenwende, den Geburtstag des Sonnengottes gelegt worden, ehe es die Kirche wagte, diesen Brauch sich anzueignen. Indessen blieben auch jüdische Manipulationen nicht aus. Ist Jesus von einer Jungfrau geboren, so doch nach der Art jüdischer Theosophie; denn der »Geist Gottes«beschattete genau so die Maria, wie er in der Genesis über der Tiefe schwebte, die alles gebar. War Jesus ferner ein jüdischer Messias, ehe er ein heidnischer und samaritanischer Christus wurde, so musste er möglichst vielen messianischen Erfordernissen genügen. Er musste vom Stamme Davids sein und in Bethlehem geboren werden; insofern aber die jüdische Tradition sowohl einen Messias, der ein Sohn Davids, als auch einen Messias, der ein Sohn Josephs sein sollte, erwartete, — das letztere war wahrscheinlich ein samaritanisches Erfordernis —, so wurde Jesus durch seine königliche Herkunft zum Sohne Davids und durch seinen vermeintlichen Vater zum Sohne Josephs gemacht. Da es nun aber andrerseits Messiasgläubige gab, die meinten, es sei nicht nötig, dass der »erwählte Eine« von David abstamme, so wurde in die Evangelien eine Geschichte eingefügt, nach der Jesus diese Herkunft abweist. Auf diese Weise fanden beide Theorien, die einander ausschlossen, im Evangelienkodex Aufnahme, ohne dass man sich daran störte und ohne dass man glaubte, eine Erklärung dafür nötig zu haben. Auf dieselbe Art ließen die Asketen der christlichen Bewegung den Menschensohn arm und heimatlos erscheinen, während ihre Gegner aus ihm einen Weintrinker machten, der allezeit bereit ist, mit den Zöllnern und Sündern zu Tische zu sitzen. Den Juden gegenüber war es nötig, dass er, ganz wie Elias und Elisa im Alten Testament, den Sohn der Witwe von den Toten erweckte. Das war eine hebräische Variante des heidnischen Mythus von der Erweckung des Attis und Adonis und des Kindes Horos und Dionysos, die dann noch einmal bei der Auferstehung Christi zum Vorschein kommt. Wie bei dem Mythus des Moses und den arabischen Mythen von der Geburt des Abraham und Daniel, so musste auch bei seiner Geburt eine Hinrichtung unschuldiger Kinder stattfinden. Und wiedertun, wie der geopferte, »eingeborene« Sohn des semitischen Gottes El und der geopferte Gottmensch des babylonischen Festes der Sacaea, so musste auch er bei seiner Kreuzigung die Insignien der Königswürde tragen. Es ist auch möglich, dass Barnabas, der »Sohn des Vaters«, als ein Rest derselben Vorstellungswelt und desselben rituellen Brauches zurückgeblieben ist; sein Name wurde in ganz ähnlicher Weise einer Erzählung einverleibt, die auch nicht ein einziges historisches Stück enthält. Und wie es sich mit den Tatsachen verhielt, so auch mit der Theorie. Im Osten hatte lange das mystische Dogma gegolten, dass der oberste Gott, der über alles Wissen und Verstehen hinausreicht, in einer Gottheit sich inkarniert hätte oder eine Gottheit, nämlich den Logos, oder das Wort im Sinn von Sendung oder geoffenbarter Vernunft, geschaffen hätte, die seine letzten Absichten bezüglich der Menschen kundtäte. Im mazdaistischen System, dem wahrscheinlich die Idee entstammt, war es Mithras, der Mittler; in der Theosophie der Ägypter war es Thoth; im Pantheon der Griechen Hermes, der Sohn der Maya und der Bote der Götter; und auch die Juden hatten sich seit langem den Gedanken angeeignet, teils dadurch, dass sie die Gottheit als den Logos in menschlicher oder Engelsgestalt erscheinen ließen (z. B. Gen. XV), teils in der Gestalt einer Personifizierung der Sophia, der Weisheit, wie in den Büchern des Predigers und der Sprüche Salomonis und in den alttestamentlichen Apokryphen, teils in der späteren Form einer theoretischen Lehre vom Logos, wie sie uns auf platonischer Basis in den Schriften des alexandrinischen Juden Philo zu Beginn der christlichen Ära entgegentritt. Im vierten Evangelium ist diese Lehre in einer entwickelteren Form summarisch dem christlichen Kult eingefügt worden, obgleich die drei synoptischen Evangelien keine Spur da¬von haben. Der neue Mythus wurde, wie alle andern, willkommen geheißen. Sie trugen sämtlich in gleicher Weise dazu bei, dass eine Gottheit entstand, die den Vergleich und die Konkurrenz mit den Gottheiten der übrigen damaligen Kulte aushielt. Die Doktrin folgte dem gleichen Gesetz der Assimilation. Die Lehre Christi musste notwendigerweise alle Phasen des religiösen Denkens jener Zeit, wie widerspruchsvoll sie auch waren, widerspiegeln. Zuerst hatte Jesus die jüdische Hoffnung von einem Himmelreich zu verkündigen und dabei die Forderungen der Armen zu betonen; er musste das baldige Kommen des jüdischen Gerichtstags und sein eigenes Amt bei der großen Katastrophe hervorheben; andrerseits aber wiederum musste er das Himmelreich als eine geistige Wandlung des Menschen darstellen, und schließlich musste er die Weisheit des Denkers verkündigen, der alle Täuschungen des Volkes durchschaut und erkannt hat: »Das Himmelreich ist mitten unter euch« — oder es ist nirgends. In dem einen Evangelium schließt er die Samaritaner von seiner Sendung aus; in einem anderen stellt er einen Samaritaner als Vorbild der Nächstenliebe hin; in einem dritten geht er persönlich unter die Samaritaner. Er wird in seiner Lehre so vielseitig wie Apollo und Dionysos in ihren Funktionen. Sogar wenn man ihn gegenüber jüdischem Aberglauben den gesunden Grundsatz aufstellen lässt, dass Menschen, welche öffentlichen Unglücksfällen zum Opfer fallen, darum noch nicht schlimmere Sünder sind als andere Menschen, so fügt eine spätere Hand ein Anhängsel hinzu, das seinerseits wiederum trotzdem den bekämpften reinen Aberglauben von neuem bestätigt. Jede innerhalb der Grenzen der damaligen jüdischen und heidnischen Ideale mögliche Spielart ethischer Anschauung wird ihm abwechselnd beigelegt. Ein um das andere Mal ist er Partikularist und Universalist, ein bigotter Jude und ein Kosmopolit, ein Freund des Volkes und ein Verächter seiner Unwissenheit, ein Verkündiger der Feindesliebe und ein strenger Ankläger seiner Gegner. In einem Atemzuge verlangt er unbegrenztes Verzeihen und härteste Strafe gegen störrische Brüder, äußerste Erfüllung der Vorschriften des mosaischen Gesetzes und dessen Aufhebung. Abwechselnd verspricht und verneint er irdische Segnungen, bekennt er und verschweigt er den Glauben an sein Messiastum, bald befiehlt er seinen Hörern die Stille, bald die Öffentlichkeit, bald seinen Schülern blinden Glauben, bald schlichte Werke der Liebe, — er ist ein heterogenes Produkt, das hundert verschiedene betrügerische Hände geschaffen haben, ein Gemisch von Stimmen, wie es in einer Persönlichkeit niemals vorhanden war und vorhanden sein konnte. Durch seine übernatürlichen Werke sprechen zu uns die kämpfenden Sekten und Ideale von drei Jahrhunderten: Weisheit und Sinnenwahn, Milde und Härte reden abwechselnd in seinem Namen. Genau wie viele Geschlechter jüdischer Lehrer alle ihre wechselnden Ratschläge mit einem: »So spricht der Herr« eingeleitet hatten, genau so suchten ihre christlichen Nachfolger ihre Lieblingsdogmen, ihre strengen Vorurteile und ihre besseren Eingebungen mit dem Bilde und der Aufschrift des neuen Logos, des immer größer wachsenden Gottes einer sich wandelnden Welt zu decken. Das spätere Produkt ist daher ebenso unwirklich als das frühere. Es sind lediglich Vorurteile, die Folge eines Mythenglaubens, wenn ein solches Wachstum unwahrscheinlich oder unmöglich erscheint, oder wenn man glaubt, dass nur etwas über die Moralität Hinausgehendes die reiche Entfaltung des christlichen Systems erklären könnte. Dem, der den Strom der Geschichte nur in der weiten und bevölkerten Ebene schaut, wird es schwer zu verstehen, dass seine Quellen in winzigen Rinnsalen und zufälligen Wässerchen fern liegender Bergländer liegen. Aber trotzdem ist es Tatsache, dass es sich mit dem Ursprung der großen Ströme so verhält.

Quelle:  Geschichte des Christentums. Von John M. Robertson. Frankfurt a.M. 1910. Neuer Frankfurter Verlag G. m. b. H.

gesehen : http://www.philos-website.de/index_g.htm?autoren/robertson_john_g.htm~main2

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die Entstehung des Christus-Mythus

  1. (NHC II,3,21) Diejenigen, die sagen: „Der Herr ist zuerst gestorben und dann auferstanden“, sind im Irrtum. Denn er ist zuerst auferstanden und dann gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, wird er sterben.

    Die Auferstehung ist ein elementarer Erkenntnisprozess, nicht das „Herausklettern des toten Jesus aus seinem Grab“. Und der Tod in der originalen Heiligen Schrift (die Bibel nur bis Genesis 11,9 sowie ein wesentlicher Teil der Nag Hammadi Schriften), die dadurch gekennzeichnet ist, dass ihre Verfasser die wirkliche Bedeutung der heute in Genesis 3,1-24 beschriebenen Erbsünde noch kannten, ist nicht der biologische Tod, sondern der geistige Tod durch religiöse Verblendung (künstliche Programmierung des kollektiv Unbewussten).

    Wer das nicht weiß, kommt nicht darauf; wer es aber erklärt bekommt und dann die irrwitzigsten Ausreden erfindet, um es nicht verstehen zu müssen, sollte sich ernsthafte Gedanken um seine geistige Gesundheit machen.

    Willkommen im 21. Jahrhundert: Jüngstes Gericht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s