Der dreizehnte Stamm – Moeglicherweise eine Finte?

Ein sehr interessanter Artikel ueber die Frage, ob die Khassaren nun tatsaechlich dieser 13. Stamm gewesen sein sollen. Auch hier ist auffallend, dass sich diese These durch den durchschlagenden Erfolg des Buches von Koestler durchsetzte. Der Buchhandel weltweit ist jedoch zensiert, was uns allen bekannt ist. Kassenschlager sind gute Werbetraeger fuer Informationen- Je beruehmter ein Buch, desto mehr wird die Information verbreitet…

Ich spekuliere nicht weiter und uebergebe das Wort. Bitte lesen und sich selber eine Meinung darueber bilden.

Der Zionist Arthur Koestler – Der Mythos vom dreizehnten Stamm

Der israelisch-arabische Konflikt ist eine schwer überschaubare, eine mitunter sehr verwirrende Angelegenheit. Verfolgt man die Berichterstattung in der Tagespresse, so kann man geradezu außer Atem geraten, den überblick verlieren. Umso wichtiger ist es, ab und an inne zu halten und sich die Zeit zu nehmen, einen Blick zurück zu werfen. Und sich zu fragen, warum der Staat Israel gegründet wurde, gegründet werden musste und welche Absichten und Hoffnungen sich mit der Gründung des jüdischen Staats verbanden.
Eine Möglichkeit, sich mit der Geschichte des Zionismus zu beschäftigen, ist der biographische Zugang, der Zugang über die Lebensgeschichten einzelner Persönlichkeiten, die sich für die Gründung eines jüdischen Staats eingesetzt haben. Der Schriftsteller Arthur Koestler gehört – und das ist heute weitgehend vergessen – zu den Vorkämpfern des jüdischen Staats. Und die Tatsache, dass er stets ein radikaler, origineller und kontroverser Intellektueller war, macht eine Beschäftigung mit seinem Leben und Werk besonders interessant. Ich habe meinen Vortrag folgendermaßen gegliedert: Zuerst möchte ich eine Einführung in Leben und Werk Koestlers geben. Den Hauptteil meines Vortrags möchte ich mit Ausführungen zu Koestlers Khasaren-Buch „Der dreizehnte Stamm“ eröffnen. Hiervon ausgehend werde ich zeigen, wie sich Koestlers zionistische Anschauungen entwickelten, wie er für seine Ideen eintrat und welche seiner zionistischen Grundüberzeugungen er sich bis zum Ende seines Lebens bewahrte.
Leben und Werk Arthur Koestlers
Mitte Februar 1983 erhielt die englische Schriftstellerin Elizabeth Jane Howard einen Anruf Arthur Koestlers. Koestler, den Howard seit den 50er Jahren kannte und mit dem sie damals eine kurze aber intensive Beziehung geführt hatte, lud sie zum Mittagessen in sein Haus am Londoner Montpelier Square ein. Das war nichts Ungewöhnliches; in Abständen pflegten sich Howard, Koestler und dessen Frau Cynthia zum Lunch zu treffen. Und so dachte sich Howard auch nichts dabei, als sie Koestler bat, das Treffen auf einen späteren Termin zu verschieben. Howard bereut diese Absage bis heute. Doch sie hatte ja nicht ahnen können, dass Koestler sie eingeladen hatte, um sie noch einmal vor seinem Tod zu sehen.1
Am 3. März 1983 betraten Inspector David Thomas und seine Kollegen das Haus am Montpelier Square. Im ersten Stock fanden sie die Leichen des 77jährigen Koestler und seiner 56 Jahre alten Ehefrau Cynthia. Koestler saß im Sessel, ein Glas Whiskey in der Hand, Cynthia lag auf einem Sofa. Die polizeiliche Untersuchung ergab, dass der Tod als Folge der Einnahme von Barbituraten und Alkohol am Abend des 1. März eingetreten war. Ein Abschiedsbrief, den die Polizei fand, ließ keinen Zweifel daran, dass das Ehepaar Koestler sich das Leben genommen hatte. Bereits seit einigen Jahren hatte er an der Parkinsonschen Krankheit und an Leukämie gelitten. Und nun, da der Krebs in sein Endstadium getreten war, hatte er es vorgezogen, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. 2 Während Elizabeth Jane Howard Koestlers Entscheidung als einen Akt mutiger Konsequenz akzeptiert, fällt es ihr noch heute schwer, sich mit Cynthias Entscheidung zum gemeinsamen Freitod abzufinden. 3
Koestler hat sich immer dann am Lebendigsten gefühlt, wenn er für seine überzeugungen, für eine Sache stritt. So liegt eine gewisse Konsequenz darin, dass sein Freitod nicht nur eine private, sondern auch eine kämpferische Dimension besaß: Koestler war Vize-Präsident von „Exit“, der „Society for the Right to Die with Dignity“, für deren „Leitfaden zur Selbsterlösung“ er das Vorwort geschrieben hatte.4 So starb Koestler wie er gelebt hatte: Außergewöhnlich mutig, seinen überzeugungen treu und sicherlich bis zum Schluss grenzenlos neugierig.
Arthur Koestler wurde 1905 in Budapest geboren. Seine Eltern, Henrik und Adele Koestler, waren assimilierte Juden. Der Vater kam aus dem ungarischen Mikolcz, die Mutter aus Wien. 1919 floh die Familie vor überall im Land ausgebrochenen antisemitischen Pogromen nach Wien. An der Technischen Hochschule Wien begann Koestler 1922 mit dem Studium der Ingenieurswissenschaften und wurde Mitglied der zionistischen Studentenverbindung „Unitas“. Im Herbst 1925 verbrannte Koestler, dem die Aussicht auf ein eintöniges Leben als Ingenieur Angst einjagte, sein Studienbuch. Nachdem er damit alle Brücken zu einer bürgerlichen Karriere hinter sich abgebrochen hatte, machte er sich im Frühjahr 1926 auf nach Palästina. Dort lebte Koestler zunächst als Kibbutznik, dann als hungernder Polit-Aktivist und Vagabund. Im Herbst 1927, nach zwei kurzen Aufenthalten in Kairo und Berlin, wurde er durch Hilfe des mit ihm befreundeten Star-Reporters Wolfgang von Weisl Korrespondent des Ullstein-Nachrichtendienstes für den Nahen Osten. Zwei Jahre wohnte Koestler in Jerusalem und bereiste den ganzen Nahen Osten. Koestlers Artikel für Ullstein und die Wiener „Neue Freie Presse“ begründeten seinen Ruf als außergewöhnlich begabter Journalist. Kein anderer Nahost-Korrespondent dieser Zeit hatte vergleichbar viele Leser im deutschsprachigen Raum. 1929 ließ sich Koestler nach Paris versetzen. Im September 1930 bot ihm Ullstein dann den Posten des leitenden Wissenschaftsredakteurs bei der „Vossischen Zeitung“ an. Für den jungen Koestler war dies nicht nur ein ungeheurer Karrieresprung, er erhielt so endlich die Gelegenheit, sich jenen Themen zu widmen, die ihn schon als Heranwachsenden fasziniert hatten: Den atemberaubenden Fortschritten auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und den Phänomenen, mit denen sich die „Grenzwissenschaften“ beschäftigen. Ende 1931 trat Koestler in die KPD ein, und im Sommer 1932 begab er sich auf eine einjährige Reise durch die Sowjetunion. Während dieser Reise, die Koestler teilweise in der Gesellschaft des afroamerikanischen Dichters Langston Hughes unternahm, erhielt er einen für ihn sehr ernüchternden Einblick in den sowjetischen Alltag. überall spürte Koestler die „bedrückende Atmosphäre einer Besserungsanstalt“, die überall herrschende Hungersnot deprimierte ihn. Als er die Sowjetunion im Frühjahr 1933 wieder verließ, um im Parteiauftrag nach Paris zu reisen, war er denn auch sehr erleichtert. In Paris traf er Freunde wie Manés Sperber und Alfred Kantorowicz wieder und arbeitete mit dem KP-Propagandisten Willi Münzenberg zusammen. Als im Juli 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach, wollte Koestler unbedingt mit der Waffe in der Hand gegen die Faschisten kämpfen. Doch Münzenberg hatte eine bessere Idee: Er schlug Koestler vor, als Korrespondent des Londoner „News Chronicle“ auf der faschistischen Seite zu spionieren. Koestlers Auftrag bestand darin, Belege für die Militärhilfe der Deutschen und Italiener an Franco zu sammeln. Im Februar 1937 wurde Koestler in Malaga von den Faschisten verhaftet, ins Gefängnis von Sevilla gebracht und zum Tode verurteilt. Drei Monate lang war Koestler Ohrenzeuge der Hinrichtungen seiner spanischen Genossen. Drei Monate lang musste er tagtäglich mit seiner eigenen Hinrichtung rechnen. Auf britischen Druck hin wurde Koestler schließlich entlassen. über seine Erfahrungen in Francos Todeszelle schrieb er eines seiner besten Bücher: „Ein Spanisches Testament“. Das von Thomas Mann, Alfred Döblin und Walter Benjamin hoch gelobte Buch katapultierte ihn in die erste Reihe der europäischen Schriftsteller seiner Generation. Als die KP Koestler zwingen wollte, die nicht moskautreuen spanischen Linken als „Faschisten“ zu denunzieren, weigerte er sich und trat im April 1938 aus der Partei aus. Im selben Jahr begann er mit der Arbeit an „Sonnenfinsternis“, seinem berühmtesten Roman. Das Buch erschien Ende 1940, nach Koestlers Entlassung aus dem französischen Internierungslager Le Vernet und seiner Flucht nach England, in einem britischen Verlag. „Sonnenfinsternis“ (Darkness at Noon), in dem Koestler auf geniale Weise die Geständnisse der Alt-Bolschewisten in den Schauprozessen interpretiert, wurde zum einflussreichsten literarischen Text des Kalten Kriegs. In England war Koestler zunächst Soldat, arbeitete dann als Ambulanzfahrer im brennenden London und versuchte die britische öffentlichkeit über die Ereignisse in Europa aufzuklären. Anfang 1945 reiste er wieder nach Palästina, um dort für seinen Roman „Diebe in der Nacht“ (Thieves in the Night, 1946) zu recherchieren. 1948 berichtete er aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg, zwei Jahre später organisierte er mit anderen Intellektuellen wie Ignazio Silone und Melvin Lasky in Berlin den „Kongress für Kulturelle Freiheit“. Mitte der 50er Jahre verabschiedete sich Koestler aus der Politik, um sich nur noch seinen wissenschaftlichen Interessen zu widmen. Bis zu seinem Tod arbeitete er daran, ein neues Menschenbild zu entwickeln, das die Erkenntnisse von Natur- und Geisteswissenschaften versöhnen sollte. Dabei ging es dem überlebenden Koestler nicht zuletzt auch darum, einen Weg zu finden, den Menschen, den paranoiden und autodestruktiven „Irrläufer der Evolution“ vor sich selbst zu retten. Was die öffentliche Anerkennung Koestlers als Wissenschaftler letztlich verhinderte, war wohl seine Begeisterung für die Parapsychologie. Doch Koestler ließ sich nicht beirren: Bis zuletzt war er davon überzeugt, dass es eine verborgene höhere Realität gibt, die allein dem menschlichen Leben Sinn verleiht. 5
Der Zionist Arthur Koestler
Koestlers letztes großes Werk erschien 1976. Es trägt den Titel „Der dreizehnte Stamm“ (The Thirteenth Tribe). Das Thema dieses Buchs ist das rätselhafte und legendäre Volk der Khasaren, das zwischen dem 7. und Anfang des 11. Jahrhunderts zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer, nördlich des Kaukasus lebte. In ihrer Blütezeit konnten sie es in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht mit Byzanz im Westen, den Rus im Norden und den vom Süden angreifenden arabischen Armeen aufnehmen. Es waren die Khasaren, die den Vorstoß der Araber nach Osteuropa aufhielten. Ende des 8. Jahrhunderts traten der khasarische Adel und ein nicht unbeträchtlicher Teil der Bevölkerung zum Judentum über. Verfolgte Juden aus anderen Ländern hatten nun einen Staat, in den sie sich flüchten konnten. Der jüdische Staat der Khasaren zeichnete sich durch eine in diesen Jahren ungewöhnliche Toleranz aus: Juden, Moslems, Christen und Angehörige anderer Religionen lebten in Khasarien in Eintracht zusammen, und wenn es Not tat, dann kämpften sie auch zusammen gegen äußere Bedrohungen. Im 10. Jahrhundert hatte sich das hebräische Alphabet in Khasarien durchgesetzt, überall im Land gab es Talmud-Schulen.6
Gegen Ende des 9. Jahrhunderts tauchte an den Grenzen des heutigen Ungarns eine magyarisch-khasarische Streitmacht auf und gründete unter der Führung Arpads den ersten magyarischen Staat. Die Tatsache, dass sich gemäß der überlieferung eine große Anzahl jüdisch-khasarischer Krieger an der Gründung Ungarns beteiligt hatten, hat viel zum Selbstbewusstsein der assimilierten ungarischen Juden der Jahrhundertwende beigetragen. Arpad war ihr Moses und Ungarn war ihr gelobtes Land.7 Und so ist es sehr passend, dass es der ungarische Jude Arthur Koestler war, der die Khasaren aus dem Dunkel der Vergangenheit ins grelle Licht der Tagespresse holte.
In „Der dreizehnte Stamm“ erzählt Koestler nicht nur die Geschichte des Khasarenstaats: Ihn interessiert vor allem, was mit den jüdischen Khasaren geschah, nachdem ihr Staat Anfang des 11. Jahrhunderts von den Rus zerschlagen worden war. Koestler behauptet, dass die überlebenden Khasaren nach Westen geflohen sind. Sie, die jüdischen Khasaren, seien es gewesen, die die großen ostjüdischen Gemeinden gegründet hätten. Das bedeutet aber, so Koestler, dass die Mehrheit der heute lebenden Juden, die „Aschkenazim“, nicht semitischer, sondern khasarischer Herkunft sind. Und dies bedeute wiederum, dass sich der mörderische rassische Antisemitismus gar nicht gegen „echte“ Juden wende. Die meisten Juden, so behauptet Koestler, stammen nicht von den biblischen Hebräern, den zwölf Stämmen Israels, sondern von den Khasaren, dem dreizehnten Stamm, ab.8
„Der dreizehnte Stamm“ erregte bei seinem Erscheinen großes Aufsehen, entfesselte vor allem auf jüdischer Seite eine heftige Diskussion. Dabei ging es nicht nur um die Frage, ob die von Koestler – zwar nicht erfundene, doch erstmalig einer breiten Leserschaft vorgestellte – „Khasaren-Theorie“ über den Ursprung des Ostjudentums richtig sei. Man diskutierte auch, ob die Frage nach der Abstammung der Mehrheit der heute lebenden Juden überhaupt relevant sei. So wies der jüdische Gelehrte Hyam Maccoby in der Diskussion zu Recht darauf hin, dass es im Judentum immer Konvertiten gegeben habe. Und dass es nicht ausschließlich die Abstammung sei, welche die jüdische Identität bestimme.9
Unter jüdischen Kritikern erregte Koestlers Buch auch deswegen Unmut, weil die Frage nach einer etwaigen khasarischen Abstammung der osteuropäischen Juden immer wieder von arabischer Seite aufgeworfen wurde und wird, um das Recht des jüdischen Volks auf das Land Israel zu bestreiten.10 Und man fragte sich, was ausgerechnet Arthur Koestler dazu bewegen mochte, der „Khasaren-Theorie“ Kraft seiner Berühmtheit zu einer immensen Glaubwürdigkeit zu verhelfen.
Die Beantwortung dieser Frage muss in der Biographie des Juden und Zionisten Koestler gesucht werden.
Wie sah das jüdische Selbstverständnis des jungen Budapesters Koestler aus? Für den kleinen Ungarn war die eigene jüdische Identität eine selbstverständliche Nebensache. Das heißt, wie im Falle aller assimilierten ungarischen Juden seiner Zeit, war auch für Koestler das Jude-Sein eine Frage der Religionszugehörigkeit. Man war ungarisch-patriotisch gesinnt und zufällig Angehöriger der jüdischen und eben nicht der christlichen Religionsgemeinschaft.11 Und die jüdische Religion interessierte den kleinen Koestler nicht, er träumte davon, als Wissenschaftler die letzten Geheimnisse des Universums zu ergründen. 1919, im Schatten der ungarischen Pogrome, musste Koestler erkennen, dass Jude zu sein eine lebensgefährliche Angelegenheit sein konnte.
Koestlers Eintritt in die schlagende zionistische Studentenverbindung „Unitas“ im Jahre 1922 verdankte er einem Zufall, doch sobald er in die kleine Gemeinschaft der radikalen Studenten aufgenommen war, wurde er sehr schnell zum begeisterten Zionisten. Er erfuhr nun, dass Jude-Sein mehr als die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft ist, dass er sowohl ein Sohn des ungarischen wie auch des jüdischen Volkes war. Der junge ungarisch-jüdische Exilant im antisemitischen Wien war fest davon überzeugt, dass es hoffnungslos naiv wäre, auf ein Ende des Judenhasses zu hoffen. Ein normales Leben, ohne Demütigung und Unterdrückung, würde erst dann möglich sein, wenn die Juden in ihrem eigenen Staat, in der historischen Heimat leben.12 Das Herzstück der zionistischen Revolution war die Forderung nach einem „Neuen Juden“. Man wollte eine Transformation des vermeintlich unsicheren, ängstlichen und vergeistigten Diaspora-Juden zum stolzen, muskelbepackten, militanten hebräischen Bauern, zum „Neuen Menschen“ im eigenen Land. Zionismus bedeutete für den Studenten Koestler also die Errichtung eines jüdischen Staats, die Selbsterziehung zum „Neuen Juden“ und das Ende der würdelosen und oft lebensgefährlichen Diaspora-Existenz.13
Im Selbstverständnis der zionistischen Studenten spielte auch der Begriff der Ehre eine wichtige Rolle: Es war Ehrensache, unerlässliche Pflicht eines jeden „Uniten“, die Ehre des eigenen Volks jederzeit zu verteidigen. Praktisch bedeutete das, dass sich Koestler und seine Freunde mindestens einmal pro Woche eine blutige Schlägerei mit den antisemitischen Studenten an der Technischen Hochschule lieferten. Koestlers körperlicher Mut stand nie im Verhältnis zu seiner Körpergröße.14
Koestlers zionistische überzeugungen erhielten erst eine aktivistische, politische Dimension, als er 1924 Vladimir Ze’ev Jabotinsky traf. Jabotinsky, der die Partei der „Zionistischen Revisionisten“ gegründet hatte, vertrat eine so realpolitische wie kühne Linie: Er forderte die jüdische Masseneinwanderung nach Palästina, die sofortige Errichtung eines jüdischen Staats im ganzen Land Israel, also auch in einem großen Teil Transjordaniens. Jabotinsky und Koestler wollten eine „Normalisierung“ des jüdischen Lebens, wollten ein nationales Leben, wie es auch andere Völker haben. Beide wollten, dass die Juden ihre Geschichte endlich wieder selbst gestalten. Sie wollten, dass die Juden als freie Nation im eigenen Land ihre eigenen Fehler machen können und nicht mehr Sündenböcke für die Fehler anderer Nationen sind. Wie Theodor Herzl, so träumten auch Jabotinsky und sein Schüler Arthur Koestler von einem europäischen, westlich geprägten, weltlich orientierten demokratischen jüdischen Staat. Der jüdische Staat sollte der Vorposten der europäischen Zivilisation im Nahen Osten sein. Jabotinsky wäre sicherlich entsetzt, wenn er mit ansehen müsste, welch großen Einfluss die religiösen Parteien heutzutage auf den Alltag im jüdischen Staat haben. Er und Koestler waren für eine klare Trennung von Religion und Staat. Beide Männer waren von außen zum Judentum gekommen und hatten keinerlei gefühlsmäßige Bindung an die religiösen Traditionen des Judentums.
Im Gegensatz zu den Linkszionisten hegte Jabotinsky keine Illusionen über die Haltung der Araber: Freiwillig, davon war er überzeugt, würden die Araber die Anwesenheit der Juden in Palästina niemals akzeptieren. Umso wichtiger war es für Jabotinsky, dass die Juden in Palästina in der Lage waren, sich gegen kriegerische Bedrohungen zu wehren.15
Jabotinskys Programm gefiel dem seinem Temperament nach militanten Koestler. Und als er sein Studium abbrach, 1926 nach Palästina ging und dort zunächst unter sehr harten Bedingungen leben musste, blieb er Zionist. Die Tatsache, dass er das Land 1929 wieder verließ, bedeutet keineswegs, dass er seinen Hoffnungen auf einen jüdischen Staat abgeschworen hätte – es war das Heimweh, das ihn wieder nach Europa trieb. Auch sein Eintritt in die antizionistische KPD änderte nichts an seiner Treue zu „Eretz Israel“ und seiner tiefen Verbundenheit mit Jabotinsky. Kommunist zu werden, war für den wissenschafts- und fortschrittsgläubigen Koestler eine Frage der Vernunft. Dass die vermeintlich so vernünftigen und aufgeklärten Revolutionäre „Amok“ liefen,16 erkannte er zwar spät, doch immer noch sehr viel früher als viele andere „fortschrittlich“ gesinnte Intellektuelle seiner Zeit. Als der Kommunist Koestler 1937, nach der Befreiung aus Francos Todeszelle, wieder nach Palästina reiste, um vom arabischen Aufstand zu berichten, stellte er sich offen gegen die Partei: Er war nicht mehr bereit, die so gefährliche wie realitätsfremde KP-Linie in Bezug auf Palästina widerspruchslos hinzunehmen: Im Gegensatz zu den Kommunisten, die einen bi-nationalen Staat forderten, und auch im Widerspruch zu Jabotinskys Vision eines jüdischen Staats zu beiden Seiten des Jordans, war Koestler nun überzeugt, dass die sofortige politische Teilung Palästinas die einzige Lösung für den jüdisch-arabischen Konflikt darstellt. Die Teilung des Landes war seiner Meinung nach ohnehin faktisch vollzogen: Die Juden lebten im 20. Jahrhundert, während die meisten Araber noch immer geistig und kulturell im Mittelalter verharrten. Die gebildeten Arbeiter Tel Avivs und die Bauern in den Kollektivsiedlungen hatten nicht dieselben Interessen wie die arabischen Fellachen. Eine schnelle Schaffung zweier Staaten war dringend geboten, den europäischen Juden Schutz vor Verfolgung zu bieten. Auch Jabotinsky erkannte die Gefahr, die dem europäischen Judentum drohte und forderte bis zu seinem frühen Tod, im August 1940, unermüdlich die sofortige Evakuierung des Ostjudentums, die Masseneinwanderung nach Palästina.17
Während seiner sieben Jahre in der Kommunistischen Partei hatte Koestler den Kontakt zu seinen zionistischen Freunden zwar nie abgebrochen. Auch mit Jabotinsky war er immer noch eng befreundet. Doch war Koestler in seiner KP-Zeit nicht mehr als Zionist aktiv gewesen. Das änderte sich nach seiner Flucht nach England. Jetzt, unter dem Eindruck der Judenvernichtung in Europa, engagierte sich Koestler wieder unermüdlich als Zionist, arbeitete eng mit Chaim Weizmann und Moshe Shertok (Sharett) zusammen. Unablässig versuchte er, die öffentlichkeit in Großbritannien und den USA aufzurütteln, seinen Lesern einzuhämmern, dass in den von den Deutschen besetzten Ländern der größte Völkermord der Menschheitsgeschichte organisiert wurde. In seinem Roman „Ein Mann springt in die Tiefe“ (Arrival and Departure, 1943) beschrieb Koestler als erster international bekannter Romancier die Judenvernichtung. Unter dem Eindruck der deutschen Besetzung Ungarns forderte er die Bombardierung von Auschwitz. Koestler war völlig verzweifelt, als er erkennen musste, dass die Alliierten offenbar keine ernsthaften Bemühungen unternehmen wollten, um gezielt und effektiv gegen den Massenmord vorzugehen.18 Schon 1944 stellte Koestler so deprimiert wie nüchtern fest, dass die planmäßige Vernichtung der europäischen Juden ein Ausmaß besaß, das es vielen Menschen offensichtlich schwer machte, den Massenmord als Realität zu akzeptieren.19
In Koestlers 1946 veröffentlichten Kibbutz-Roman „Diebe in der Nacht“ (Thieves in the Night) findet sich der Satz: „Ein Land ist der Schatten, den eine Nation wirft, und 2000 Jahre lang waren wir eine Nation ohne Schatten“.20 Koestler stritt energischer denn je dafür, dass das jüdische Volk zumindest in einem Teil der historischen Heimat einen eigenen Staat erhält. Um das Ziel der nationalen Selbstbestimmung zu erreichen, war seiner überzeugung nach ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit notwendig. Er befürwortete maximalen Druck, um wenigstens das Minimalziel eines kleinen Staats in „Eretz Israel“ zu verwirklichen. Politisch stand er zwischen den Stühlen: Er bewunderte die Lebensweise in den Kibbutzim, doch hielt er die Träume der Kibbutzniks von einer jüdisch-arabischen Koexistenz für eine Illusion. Er sympathisierte mit den Untergrundbewegungen Menachem Begins und Yitzhaks Shamirs, doch traute er ihnen nicht zu, ein realistisches politisches Konzept für die Zeit nach der erreichten Unabhängigkeit zu haben. Sein Roman „Diebe in der Nacht“ und seine öffentliche Solidarisierung mit den jüdischen „Terroristen“ trugen ihm heftige Kritik ein, vor allem von linker Seite. Doch waren gleichzeitig immer mehr Juden unter dem Eindruck der Shoah bereit, eine härtere Gangart gegenüber der britischen Mandatsmacht in Palästina zu akzeptieren. Auch nichtjüdische Künstler und Intellektuelle solidarisierten sich mit Menachem Begins Untergrundbewegung.21
Koestler erhob jetzt immer wieder seine Stimme, um eine radikale und kompromisslose Linie bezüglich der Zukunft des jüdischen Volks zu propagieren. In manchen seiner Thesen bewies er wieder einmal, dass er ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit besaß, wenn es darum ging, wirkungsvolle Propaganda zu produzieren. Seine Thesen waren: Mit der Errichtung des jüdischen Staats ist die Zeit des erzwungenen Exils endlich vorbei. 2000 Jahre lang haben die Juden für die Rückkehr in die historische Heimat gebetet. Vor allem die Minderheit der religiösen Juden müsste jetzt eigentlich der Diaspora den Rücken kehren und nach „Eretz Israel“ auswandern. Da das Leben in der Diaspora eine demütigende und lebensgefährliche Angelegenheit ist, muss sich die in ihrer Mehrheit nicht-religiöse Masse der in der Diaspora verbleibenden Juden von ihrem Judentum verabschieden. Das dürfte umso leichter fallen, als es nur die jüdische Religion ist, die Juden von Nichtjuden unterscheidet. Und die meisten Gebete und Rituale des Judentums sind seit der Gründung des Staats Israel überflüssig geworden, da sie sich auf die ersehnte Rückkehr ins Land der Väter beziehen. Und jetzt, da der Staat Israel gegründet ist, ist es auch nicht feige oder unehrenhaft, sich vom Judentum zu verabschieden. Die nicht-religiösen jüdischen Eltern sollen aufhören, ihren Kindern eine Außenseiter-Position aufzuzwingen. Sie sollen dafür sorgen, dass ihre Kinder mit der Mehrheitsreligion ihres jeweiligen Landes aufwachsen. Dies sei dringend geboten, um zukünftige Generationen vor dem mörderischen Judenhass zu beschützen.22
Als Propagandist hatte Koestler immer schon ein pragmatisches Verhältnis zur Wahrheit gehabt. So wusste er sehr wohl, dass die jüdische Religion entgegen seinen Behauptungen ihrem Wesen keineswegs mit einem Ablaufdatum versehen ist. Und seine Behauptung, dass die Juden in der Diaspora kein Volk seien, dass nur die Religion einen Juden zum Juden mache, widersprach nicht nur seinen überzeugungen, sondern auch seiner eigenen Biographie: Er war nie ein religiöser Jude gewesen und hatte gleichwohl nie an seiner jüdischen Identität gezweifelt. Er fühlte sich in Israel „verwurzelt“,23 betrachtete sich als israelischer Patriot, war ein begeisterter Ungar und ein unverbesserlicher Europäer. Aber Koestler wollte mit seinen provozierenden Thesen Druck auf die Juden der Diaspora ausüben: Wenn die Juden der Diaspora nicht als Juden verschwänden, so drohte er, würden sie sich letztlich zu Komplizen der eigenen Vernichtung machen. Dass Koestler den nicht-religiösen Juden der Diaspora öffentlich jede jüdische Identität absprach, sie insgeheim aber weiterhin als Angehörige des jüdischen Volks betrachtete und stolz auf seine jüdischen Wurzeln war, ist typisch für ihn. Wie sein Freund David Pryce-Jones es formuliert, war in Koestler „immer dieser Konflikt zwischen Logik und Emotion“. Die Vernunft habe es ihm geboten, die Taufe jüdischer Kinder in der Diaspora zu fordern, doch gefühlsmäßig habe er sich gewünscht, dass sie weiterhin jüdisch erzogen werden.24
Koestler war nicht der einzige Zionist, der das Verschwinden der Diaspora forderte, aber kein anderer Zionist seiner Zeit verlangte dies derart ultimativ, eloquent und weithin hörbar. Sein Aufruf zur Selbstauflösung der Diaspora entsprach dabei seinen in Wien gewonnenen zionistischen überzeugungen: Nur in einem jüdischen Staat, in einem wehrhaften jüdischen Staat, konnte es ein normales, würdevolles Leben für Juden geben. Koestler war fest davon überzeugt, dass der Antisemitismus unausrottbar sei, dass es völlig illusorisch sei zu glauben, dass die Nicht-Juden die Juden irgendwann einmal als gleichwertige Menschen respektieren würden.
Koestler erhob seine Forderungen ultimativ und aggressiv – bis zum Yom Kippur-Krieg im Oktober 1973. Erschüttert davon, dass Israel in diesem Krieg wahrscheinlich nur knapp der völligen Vernichtung entkommen war, musste Koestler erkennen, dass Israel weniger fest etabliert war, als er es sich immer hatte einreden wollen. So vertrat er seine Thesen weiterhin, räumte aber gleichzeitig ein, dass sie nur ein Fernziel, kein Nahziel mehr sein konnten. Noch brauchte Israel die Solidarität der Diaspora.25
Wie aber konnte man die Diaspora vor Antisemitismus schützen? Wie konnte man die Diaspora verschwinden lassen, wenn die meisten Juden der Diaspora nicht bereit waren, sich von ihrem Judentum zu verabschieden, und wenn dies mit Hinblick auf Israel momentan auch nicht wünschenswert war? Diese Überlegungen waren es, die Koestler dazu veranlasst hatten, sich mit den eingangs erwähnten Khasaren zu beschäftigen.
Denn wenn es ihm gelingen würde, die Nicht-Juden davon zu überzeugen, dass die meisten Juden nicht jüdischer Abstammung seien, dann würde dem Antisemitismus das Objekt seines Hasses genommen werden, dann würde der Judenhass in Ermangelung von Opfern ins Leere laufen. Koestler wusste zwar, dass wissenschaftliche Untersuchungen seine These zur hauptsächlich khasarischen Abstammung der Osteuropäischen nicht stützten, aber das übersah er großzügig. Ihm persönlich war es ohnehin gleichgültig, ob ein Jude khasarische Vorfahren hat oder nicht. Auch war er sich der Tatsache bewusst, dass es in der Geschichte des jüdischen Volks immer Konvertiten gegeben hatte.26 Aber dem Propagandisten Koestler kam es auf die Verwirklichung seiner zionistischen Vision an. Er wollte die Juden der Diaspora durch einen Taschenspielertrick als Juden „verschwinden“ lassen und so vor dem Antisemitismus schützen. Er träumte nach wie vor von der Sammlung der Juden in Israel.
Man mag heute über Koestlers trotzige Naivität den Kopf schütteln, doch war es ihm, der Europas finsteres Jahrhundert überlebt hatte, bitterernst. Und nur die Zukunft wird zeigen, ob Koestlers Extremismus, geprägt vom Jahrhundert der Extreme, letztendlich gerechtfertigt war oder nicht.

Fussnoten:
1. Vgl. Interview C.B. mit Elizabeth Jane Howard, 17.03.2005.zurück zum Text
2. Vgl. Buckard, 2004, S. 346-347.zurück
3. Vgl. Interview C.B. mit Elizabeth Jane Howard, 17.03.2005.zurück
4. Vgl. Koestler 1980, S. 581-583.zurück
5. Vgl. Buckard 2004.zurück
6. Vgl. Koestler 1977 u. Brook 2002.zurück
7. Vgl. Komoróczy 1999, S. 116 u. Brook 2003.zurück
8. Vgl. Koestler 1977, S. 16.zurück
9. Vgl. Maccoby 1976, 1983.zurück
10. Vgl. Glick 1983 u. Ya�ari 1997.zurück
11. Vgl. Patai 1996, S. 452 u. London/Kishon 1993, S. 17.zurück
12. Vgl. Buckard 2000.zurück
13. Vgl. hierzu: Shapira 1997, S. 155-174.zurück
14. Vgl. Koestler, 1954, S. 61-85.zurück
15. Vgl. Buckard 2004, S.48-52.zurück
16. Koestler 1999, S. 236.zurück
17. Vgl. Buckard 2004, S. 145-158.zurück
18. Vgl. ebd., S. 179-199.zurück
19. Vgl. Koestler 1944.zurück
20. Koestler

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