Menschlichkeit in der Unmenschlichkeit

Ein Becher Wasser (und andere Begebenheiten aus Polen)

von Erhard Wittek, 1940

„Meinen Landsleuten, den ermordeten und den lebenden!“

Wer die Möglichkeit hatte, mit Volksdeutschen zu sprechen, die während des Feldzuges in Polen auf Befehl der polnischen Machthaber in das Innere des Landes verschleppt worden sind, der wird, ob es sich nun um Deutsche aus dem Brahe- oder Weichseltal, aus Kuhawien oder aus Posen, aus den südlichen Teilen des Warthelandes oder aus der Gegend von Lodsch handelte, immer wieder das eine hören, daß über aller Zähigkeit im Durchhalten, aller Tapferkeit in den Augenblicken des Todes das größte, tiefste und wunderbarste Erlebnis die Kameradschaft war, die alle Gefährten dieses Leides einander erwiesen. Ohne Zögern wird zugegeben, daß es auch Ausnahmen gegeben habe, doch von ihnen wird nicht gesprochen; sie blieben nicht in der Erinnerung haften. Wohl aber hört man immer wieder noch heute, wenn von einer Tat der Kameradschaft gesprochen wird, allein am veränderten Ton der Stimme des Sprechenden, welch eine Stärkung der Seele von ihr ausgegangen sein muß.

Von dem schönsten Geschehnis solcher Art bleibt uns nun zu erzählen, und wir haben Größeres als diese Tat, die in einer engen Zelle des Festungsgefängnisses von Brest-Litowsk geschah, noch nicht zu berichten gehabt. Sie geschah nicht im Rausch der Opferbereitschaft noch im Licht des großen Tages; die sie auf sich nahmen, hatten keinen Dank zu erwarten uns konnten es nur aus der Kraft ihrer Seele tun. Fünf Männer hatten es unter sich abzumachen, niemand half ihnen dabei, und keiner von ihnen wußte, ob es nicht vergebens und sinnlos war. Aber sie zögerten nicht und taten, wie ihre Herzen – wahrhaftig: stolze und starke Herzen! – es ihnen befahlen.

In den frühen Nachtstunden des neunten September 1939 zog eine Kolonne von Volksdeutschen in den Hof der Zitadelle der Stadt Brest-Litowsk ein. Unaufhörlich hatte es während des letzten Tagesmarsches am Ende der mühselig dahinwankenden Viererreihen geknallt, und jeder Schuß bedeutete einen kühl überlegten Mord an einem Unschuldigen. Als die Dunkelheit eintrat, hatte für wenige Stunden Ruhe geherrscht, aber kaum war der Mond aufgegangen, da setzte der polnische Leutnant, der den Befehl über die militärische Begleitmannschaft führte, die Erschießungen fort. Wen er nach seinem Gutdünken aus der Reihe der Verschleppten bestimmte, der hatte an das Ende des Zuges zu gehen, dort mitten auf der Straße niederzuknien, den Kopf so tief zu beugen, daß seine Stirn die Erde berührte, und dann setzte ihm ein Posten die Mündung seines Gewehrlaufes an den Hinterkopf. Die Ermordeten blieben im Sande der Straße liegen.

Den gequälten Menschen, die schon tagelang, zum Teil schon wochen- und monatelang im Gefängnis von Siedlce zugebracht hatten, fehlten von dieser Leidenszeit her die Kräfte, um einen Fluchtversuch wagen zu können; sie waren seit zwei Tagen auf dem Marsch, ohne daß sie auch nur einen Tropfen Wasser erhalten hatten. Der Staub der Straße hatte sich auf die Atemwege gelegt, die Kehle war ausgedörrt, jede Schluckbewegung bereitete Schmerzen, die Kraft des ausgehungerten Körpers hatte gerade noch dazu gereicht, stumm dahinzutrotten und auf irgendein Ende dieses Marsches zu hoffen.

Nun standen sie hier auf dem Hof des Festungsgefängnisses von Brest-Litowsk. Niemand von ihnen wußte, wieviel Kameraden sie in diesen zwei Tagen verloren hatten. Ein Tag ist eine kurze Spanne Zeit; aber wer in einer Stunde mehr erlebt als andere in Jahren ihres Lebens, dem können zwei Tage wie eine höllische Ewigkeit sein. Sie standen im Mondschein auf dem gepflasterten Hof und schliefen im Stehen, denn die Polen hatten streng verboten, daß einer sich niedersetzte oder gar niederlegte. Ein paar brachen dennoch zusammen; die Umstehenden nahmen sie in die Mitte oder traten vor sie, so daß die Wachtposten die Niedergesunkenen nicht sehen konnten; es war keineswegs sicher, ob sie nicht erschossen werden würden, wenn der Leutnant die Liegenden erblickte.

Zwei lange Stunden mußten sich die müden Menschen aufrecht halten, während der schmale Mond langsam über den schwarzen Mauern des Gefängnisses am Himmel dahinwanderte. Sie hatten sich immer dichter zusammengedrängt, um einander zu stützen, und die schweigende Herde schwankte im tiefen Schlafe stehend hin und her, als ob sie vom Winde bewegt werde. Die Füße der Verschleppten waren wundgelaufen, nicht wenige hatten eiternde Blasen unter den Sohlen, Hunger und Durst zogen ihnen die Eingeweide zusammen, aber die hielten sich aufrecht mit jener zähen Verbissenheit, die noch im Unterbewußtsein wach ist, auch wenn der Körper schläft. Schließlich preßte man sie in einen engen Flur, hieß sie sich in Gliedern zu fünft aufstellen und ließ abzählen. Erschauernd vernahmen die nun wieder Aufgewachten, daß sie von zweihundertneunzig auf zweihundert Menschen zusammengeschmolzen waren. den Rest hatte der kalte Sadismus ihres Henkers, der die Uniform eines polnischen Offiziers hatte tragen dürfen, im tödlich langsamen Ablauf zweier Tage in den Sand der Straße gelegt.

Man verteilte die Häftlinge auf die Zellen des Gefängnisses, von denen die meisten nur für einen einzelnen Mann bestimmt waren. Der Tag kam und verging, ohne daß sie zu trinken erhielten. Schon in Tagen der Ruhe ist dreitägiges Dursten eine übermenschliche Qual. Diese Menschen aber hatten sich während zweier glühendheißer Tage und dreier kalter Nächte durch den Staub polnischer Landstraßen geschleppt, sie hatten die letzten Kräfte ihres ohnehin durch die Tage der Haft schon ausgedörrten Körpers bis auf den Rest anspannen müssen, es waren Greise und Kranke unter ihnen – es ist kein Wunder, daß einige unter ihnen den Wahnsinn nahen fühlten. Die Erlebnisse der beiden letzten Tage hatten jedem gezeigt, daß sie mit keiner Gnade zu rechnen hatten. Es bildeten sich bei allen fiebrige Ausschläge auf den aufgesprungenen Lippen und im Rachen. Die Zunge war rissig und schwoll unförmlich an, die inneren Teile des Mundes und die Kehle waren gerötet und wund vor Trockenheit.

Am zweiten Tage ihres Aufenthaltes vernahmen sie plötzlich ein zunächst entferntes, aber sehr schnell näher kommendes dröhnendes Geräusch, das sie nun schon kannten. Auf dem Marsch hatten ihnen die deutschen Bombenflieger die einzigen Ruhepausen verschafft, weil dann der Befehl gekommen war, Deckung zu suchen und sich still zu verhalten; während des Marsches also hatten sie die deutschen Brüder oben in den Lüften gesegnet, da sie manch einem zu Tode Erschöpften im allerletzten Augenblick noch die Pause verschafften, die ihm Erholung und neue Kraft zum Weitermarsch gegeben hatte. Jetzt aber saßen sie eng zusammengepreßt im Kernwerk der Festung, nun konnten sie weder fliehen noch Deckung suchen, und nun rauschten die Bombenladungen auf die Zitadelle herab.

In dieser Stunde, da sie nun im Feuer der eigenen Brüder standen, deren Nahen sie erfleht und erwartet hatten, deren Kampf und Sieg die jahrzehntelang ersehnte Befreiung der Heimat bringen sollte, in dieser Stunde kam nun die bitterste Drohung des Todes über sie. Denn welch ein Sterben kann einen Deutschen härter ankommen als das unter deutschen Granaten! Sie waren von der würgenden Enge ihrer Zelle umschlossen, sie hatten keine Stütze als die an den Mauern des Gefängnisses, das ihr Grab zu sein bestimmt schien; der Raum gab jedes Zittern der Hände, jedes Flackern der Augen genadenlos den Blicken der anderen preis.

Die Luft über den Festungswerken heulte unter dem rasenden Sturz der schweren Bomben auf, die rollenden Stöße der Detonationen fielen die dicken Mauern an und ließen sie hin und her schwanken wie ein Schiff auf hoher See, der Verputz fiel von Decken und Wänden, Wolken von Staub, untermischt von Pulverqualm und Explosionsgasen, verdüsterten die überfüllten Verließe, die platzenden Fensterscheiben übergossen die Häftlinge mit einem Regen scharfer Glassplitter, und durch die vergitterten Maueröffnungen leuchtete mit grellem Rot der Feuerschein der zerspringenden Bomben über das erschütterte Antlitz von deutschen Menschen, die nun auch noch diese Probe über sich ergehen lassen mußten. In dieser Not blieb ihnen nichts anderes zu tun übrig, als das zitternde Herz mit aller Willenskraft zur Ruhe zu mahnen, – als still zu sitzen und abzuwarten, was wohl kommen werde. Sie machten sich zum Opfertode bereit. Sie konnten mit schmerzenden Kehlen nur noch flüstern, denn die ausgedörrten Stimmbänder begannen zu versagen, und sie sprachen sich heiser und leise einander zu, daß sie auch dann für Deutschland starben, wenn sie jetzt unter den Geschossen des fliegenden deutschen Heeres fielen, und auch dann, wenn sie unter den zusammenstürzenden Steinmassen dieser Festung begraben werden sollten und kein menschliches Wesen jemals von ihrem Ende erfahren würde.

Als dieser erste Angriff der schweren Bomber und der Sturzkampfflieger vorüber war – es sind ihm noch viele andere gefolgt, und später hat dann auch noch schwere Artillerie tagelang die Zitadelle unter Feuer genommen – , da begann der Durst die körperlich und seelisch Überanstrengten mit doppelter Macht zu quälen. Staub und Qualm setzten sich in die Atemwege, die Pulvergase reizten den entzündeten Rachen, und auch der stärkste Wille drohte zu erlahmen und die Seele der würgenden Herrschaft der Angst zu überlassen. Da und dort begannen die Häftlinge mit Fäusten an die Zellentüren zu hämmern, Pritschen und Tische donnerten gegen die eisernen Tore der Kammern, eine allgemeine Panik stand kurz vor ihrem Ausbruch.
Da begannen die Polen nachzugeben. Nacheinander wurde eine Zellentür nach der anderen geöffnet und die polnischen Wärter brachten den Gefangenen Wasser. Aber es war schwer zu entscheiden, ob es Angst oder Rachsucht war, was die Polen zu dieser Tat bewegen mochte, denn sie gaben für je fünf Gefangene genau einen Trinkbacher Wasser in die Zellen.
In der Zelle zwölf saßen vier Mann, die wie alle ihre Kameraden ihren Geist nur noch mühsam zusammenhielten, in den Ecken auf dem steinernen Fußboden, da sie hier von beiden Seiten der Wand gestützt wurden. Auf dem einzigen Bett lag ein Fußkranker. Er hatte den ganzen Weg barfuß zurücklegen müssen, und was für manchen abgehärteten vielleicht eine Wohltat gewesen wäre, war für ihn zur Qual geworden, da seine Füße weiche Strümpfe gewohnt waren. Die Lederhaut an seinen Sohlen hatte sich halb von den Füßen gelöst, Sandkörner und Schmutz hatten die rohe Haut darunter aufgerissen und entzündet, und so waren seine Füße zwei schmutzverkrustete, eiternde Klumpen.

Als die Polen die Tür zu dieser Zelle öffneten und nun auch in sie den becher Wasser hineinreichten, erhob sich eilig der Kräftigste unter den Fünfen, ging auf den Wärter zu, der ihm grinsend das Gefäß mit den Worten überließ, daß diese Ration für alle fünf bestimmt sei und daß es mehr Wasser für diesen Tag nicht gebe. Dann wartete er gespannt auf das Schauspiel, das er nun erleben mußte, denn auch die übrigen hatten sich erhoben und machten hastig die wenigen Schritte bis zu dem Trank, der ihren wunden Kehlen ein wenig Linderung bringen sollte. Auch der Mann auf dem Bett richtete sich auf; er konnte nicht gehen, er saß auf der Bettkante und streckte nur flüsternd beide Hände nach dem Becher aus. Und nun geschah das, weshalb wir dies alles erzählen. Denn der Mann, dem der Pole den Becher überlassen hatte ( es war, wir sagten es schon, der körperlich Kräftigste der fünf Insassen dieser Zelle), hob das Gefäß nicht an die Lippen und trank es nicht aus – niemand von den anderen hätte die Kraft gehabt, ihn daran zu hindern, und fast hätte ihn niemand schelten dürfen, wenn jetzt der nackte Trieb der Selbsterhaltung ihn überwältigt und er das Wasser in die eigene Kehle hinuntergestürzt hätte – aber er tat es nicht. Er nahm das Gefäß behutsam in beide Hände, ging zu dem Bett hin, auf dem mit ausgestreckten Armen der Mann mit den wunden Füßen saß, er ging langsam und vorsichtig, um ja keinen einzigen Tropfen zu verschütten, und reichte den Becher dem Kameraden:
„Da!“ flüsterte er heiser, „nimm ihn, wasch dir die Füße aus, wir anderen können warten.“
Der aber saß auf seinem eisernen Bett, er blickte ungläubig auf den Spender, sein Körper war so ausgedörrt, daß er nicht einmal die zwei Tropfen für die Tränen der Dankbarkeit hergeben konnte. die er in sich aufsteigen fühlte. Doch es hatten noch andere Anrecht auf das Wasser, er blickte sich im Kreise um, was die drei anderen dazu meinten.
Die aber nickten.
„Ja, nimm ihn“, flüsterten auch sie, „nimm ihn getrost, wir können warten.“
Und er nahm das Wasser; er nahm es mit zitternden Händen und wusch seine Füße damit aus.

Karl-Heinz Fenske in Bromberg ist Zeuge dafür, daß hier die reine Wahrheit erzählt wurde, denn in seiner Zelle geschah es, im Gefängnis der Zitadelle zu Brest-Litowsk, die eine Woche später nach schwerem Beschuß durch deutsche Artillerie in die Hände unserer Soldaten fiel. Die aber, die von diesen Soldaten unverletzt befreit wurden – die Polen hatten ihnen später doch mehr Wasser und auch Essen gereicht – hatten keinen Helm und kein Gewehr, sie trugen nicht die feldgraue Uniform noch hatten sie Ordensschnallen auf der Brust. Es waren Deutsche aus Polen, verhungert und halb verdurstet, in den Kleidern von Zuchthäuslern; jeder Mensch, der sie damals gesehen hätte, ohne von ihrem Schicksal zu wissen, hätte sie für Verbrecher gehalten. Aber sie haben für ihr Vaterland gekämpft wie Menschen nur kämpfen können, und ihre Opfer werden uns heilig sein wie alle Opfer, die für unser Volk gebracht werden.
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4 Gedanken zu “Menschlichkeit in der Unmenschlichkeit

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