Die Praesidentschaftswahlen in Aegypten- Eine Komoedie

 

Ich habe mich ja gar nicht genervt gestern. Nachdem ich beschlossen hatte, der Pflicht der Einbuergerung nachzukommen und den heissen Gang zur Urne auf mich genommen hatte, stiess ich schon bald auf komische Probleme. Bei den Parlamentswahlen sowie beim ersten Wahlgang hatte es anscheinend niemanden gestoert, dass ich Doppelbuergerin bin. Mein Schweizer Pass war immer ein Vorteil und es wurde mir ueberall hoch angerechnet, dass ich die (scheinbare) Sicherheit und den Luxus der Schweiz eingetauscht hatte mit der Armut eines Schwellenlandes. Unverstaendnis paarte sich mit Stolz seitens eines solchen Entscheides. So weit so gut. Als vollintegrierte volljaehrige und muendige Frau durfte ich natuerlich und normal der Wahlpflicht nachkommen. So auf alle Faelle anfangs, da den Buergern noch die Demokratie vorgespielt wurde. Diese Fassade sollte jedoch schon bald einen Riss bekommen und was hinter dem schoenen Anstrich zum Vorschein kam, ist nur noch Dreck und schmutzige Waesche.

 

Meine Hochachtung steigt immer mehr, vor allem vor den Frauen hier. Keineswegs unterdrueckt, jedoch auch niemals solche Freiheiten zu eigen nennend wie im Westen, trotzen sie dem Leben hier das Beste ab. Sie lassen sich weder unterkriegen noch mundtot machen, noch geben sie auf – wie eine Mauer im heftigsten Sturm stehen sie fest auf ihren -meist staemmigen- Beinen und trotzen den tausend Widrigkeiten mit stoischer Geduld. So auch gestern. Von offensichtlichen Schikanen lassen sie sich nicht ins Bockshorn jagen.

 

Damit sie diese traurige Geschichte besser verstehen koennen, werde ich den gestrigen Gang zur Urne schildern, ein Gang den sich ein westlicher Buerger niemals vorstellen kann. Abhaengig und ausgeliefert den maennlichen Soldaten, die ihre Machtposition schamlos ausnutzen, auf dem Buckel der Alten und Schwachen natuerlich.

 

Nummer 52 stand auf meinem Zettel. Diese Nummer erhielt Jedermann und Frau, wenn man seine ID Nr. im Net aufgelistet fand, daneben das Wahllokal plus die spezifische Nummer. Was es mit der Reihe 52 auf sich hatte, sollte ich bald erfahren. Schon bei der Ankunft vor der Schule – dem Wahllokal – sah ich eine Schlange, die mich erstaunte, hatten wir doch alle gedacht, den Aegyptern sei das Waehlen vergangen, nach dem kalten Putsch. Anscheinend hatten sich doch noch alle aufgerafft und trotzten der Hitze, welche kaum auszuhalten war, auch wenn es schon acht Uhr abends war.

 

Eigentlich wollte ich mich ja nur beschweren, dies mit Hilfe meines Mannes, der es besser als ich im Griff hat, mit sturen Polizisten zu sprechen. Mein Arabisch ist genuegend, jedoch um Streitgespraeche welcher Art auch immer zu fuehren, definitiv unausreichend. So nahm ich ihn in Schlepptau und er fragte dann auch brav den Tuersteher, weshalb mein Name von der Wahlliste gestrichen worden sei?? Ja sie haben recht gehoert: komischerweise und grundlos wurden bei der Stichwahl Leute einfach herausgestrichen, scheinbar wahllos, meine Nachbarin , welche Palistinaenserin ist , fand sich auch im Club der Verlorenen wieder.. Scheinbar waren nicht reinrassige Aegypterinnen nicht mehr erwuenscht, wenn es um den Praesidenten ging – Tatsaechlich hatte es wohl eher damit zu tun, wen wir das erste mal gewaehlt hatten… Ich bin sicher , waere Schafik auf meinem Wahlzettel markiert gewesen, haetten sie ich mit Handkuss in den zweiten Wahlgang gehievt…

 

Na ja, soviel zur Vorgeschichte. Mein Mann hatte natuerlich keinerlei Chance. „Hier sind nur Frauen erlaubt. Kein Eintritt fuer Maenner… „

 

Anscheinend galt dies nur fuer meinen Mann, ich habe im Laufe des Abends noch mehrere Ehemaenner oder Juenglinge gesehen, die es geschafft hatten, der Strenge des Torwaerters auszuweichen.. mit Hilfe von was fragt man sich….

So war ich auf mich allein gestellt – und natuerlich , wenn ich mich hochfragen wollte hiess es immer: „ Warten . Wir wissen nichts. Der Wahlverantwortliche weiss mehr.“

 

o.k. Ja den will ich ja“ –

 

ja aber dann muessen sie warten. Genauso wie die anderen.“

 

Resigniert gab ich auf und reihte mich in die scheinbar endlose Schlange der Wartenden ein. Disskussionsfetzen erfuellten die heisse Luft, dort stritt sich jemand, hier wollte eine Frau ihre Nachbarinnen von den Vorzuegen Schafiks ueberzeugen, Tiraden von ‚endlich Sicherheit in diesem Land‘ und ‚Kriminalitaet ‚ austossend und herumfuchtelnd. – Eigentlich wollte ich sie darauf hinweisen, dass Aegypten, sogar im letzten Jahr, eine minimale Kriminalitaet aufweist, die Aegypter sind vorwiegend fromm und dies haelt sie ab von boesen Taten. Grins. Dies ist eine Tatsache, ob sie den Leuten gefallen mag oder nicht. Hier kann eine Frau morgens um drei Uhr alleine auf die Strasse gehen und muss sich nicht fuerchten. Wenn auch ein ‚boeses Individuum‘ sie bedraengen weurde, dann waeren 10 andere zur Stelle, die die Mutter oder Ehefrau oder Tochter eines Bruders beschuetzen wuerden. Auch dies ist Tatsache. Ich wollte ihr sagen, sie solle mal in die Schweiz fahren und sich am Tage allein in einer Tiefgarage aufhalten ohne beklemmendes Gefuehl… Aber leider reicht mein Arabisch nicht aus… Ich habe sie reden lassen..

 

Zurueck zur Reihe 52 . Was hat es auf sich mit dieser Zahl? Anscheinend haengt ein Fluch ueber ihr. Die Reihe 53 war dauernd nur ein Drittel so lang wie unsere und die Wartenden wurden oftmals in Zehner- oder Zwanzigergrueppchen weitergewinkt, waehrend wir nur fassungslos dastanden. Wagte es eine Mutige, sich an den Soldaten zu wenden, wurde sie heftig abgewimmelt und ihr wurde gesagt, sie fantasiere, es gaebe keine Ungerechtigkeit… Die Zeugenschaft von hunderten von Frauen reichte anscheinend nicht aus….. So eine Schweinerei. Diesem Umstand wurde noch eins draufgesetzt, als wir erfuhren, wer dann jene Gluecklichen seien, die immer hereingewinkt wurden. Es waren die Jungen! Ha, die Alten (ueber 25) konnten sich die Beine steifstehen und die Jungen, huebschen und knackigen mit den engen Jeans konnten ohne weiteres weitergehen?? Wer sagt denn da, die Araber seien Frauenfeindlich? Im Gegenteil, sie sind den Frauen hoerig, vor allem wenn sie jung und schoen sind… ha. Das gibt’s nicht.

 

Nach zweieinhalb Stunden Schlange stehen war ich durchgekocht. Nicht nur ich. Meine Leidensgenossinnen genauso. Der Schweiss lief uns in Stroemen runter und doch murrte niemand, hoechsten ein paar leise Muckser waren zu vernehmen. Ein paar Frauen zeigten sich kreativ und behaupteten, ihre Mutter sei gerade gestorben und sie koennten deshalb nicht warten. Vielleicht stimmte es sogar. Mir taten die vielen ueber sechzig-Jaehrigen leid, denen wenigstens ein Holzbank bereitgestellt wurde, damit sie nicht stehen mussten. Menschenfreundlich? Schizophrenie pur. Die Soldaten plagte anscheinend zwischendurch auch das schlechte Gewissen, und sie liessen Gnade vor Recht walten und winkten ein paar Alte durch…

 

Der absolute Gipfel war , als wir herausfanden, dass das Wahlokal selbst leer war. Die Wahl selbst dauerte keine Minute – die ganze Warterei war eine reine Schikane, um uns das Waehlen zu vergraulen. Die Hoffnung war anscheinend gross, dass sich die Frauen abhalten lassen wuerden durch die Hitze oder stundenlanges Stehen. Aber da hatten sie falsch gedacht!!! Die Aegypterinnen sind es gewohnt zu warten. Fuer Brot, Fuer eine Unterschrift , fuer den Urnengang. Die Welt dreht sich langsam…und Frau wankt nicht.

 

Hauptsache wir geben unsere Stimme ab,“ sagte mir eine Frau. Auf meinen Einwand, dass sie ja sowieso machen wuerden, was sie wollen, (Beispiel, die Streichung des Parlaments zwei Tage vor der Stichwahl), antwortete sie mir nur: „Ich will mir nur in die Augen sehen koennen. Wir gehen schon bald, ich tue dies fuer die Kinder. Und Gott sieht, was ich meine. Er wird unsere Behmuehungen sehen und uns helfen.“

So viel Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation!! Einfach Hut ab, bzw. Kopftuch!!!

P.s. ich konnte meine Stimme nicht abgeben. Nachdem ich an der Reihe war und zum Ziel aller Wuensche – dem Wahllokal – vorgedrungen war und mein Anliegen endlich vorbringen konnte, wurde ich weitergewiesen. Es habe sicher seine Richtigkeit und wenn nicht, dann muesse sich mein Mann beschweren. Aber nicht heute. Morgen. Oder Uebermorgen. Oder in hundert Jahren…

Von mirjamnur


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