Siwa – eine ägyptische Oase zwischen Sahara-Touren, Schmugglern und Salafisten

 

Die Oase Siwa in der westägyptischen Wüste war in antiken Zeiten ein verklärter Ort.
Der Perserkönig Kambyses II versuchte im Jahre 525 den damals sehr einflussreichen Orakel-Tempel von Siwa zu zerstören, allerdings vergeblich. Seine 50.000 Mann starke Armee verendete auf dem Trek durch die Sahara im südöstlich von Siwa gelegenen großen Sandmeer, einer scheinbar endlosen Dünenlandschaft.
200 Jahre später war ein anderer Besucher erfolgreicher auf seiner Reise durch die Wüste: Alexander der Große ließ sich nach seinem siegreichen Eroberungsfeldzug in Ägypten im Orakel von Siwa zum Sohn des Zeus und Herrscher über Ägypten ausrufen.

Heute ist die Reise nach Siwa weniger beschwerlich.
350 Kilometer schnurgerader Asphaltpiste durch das brettflache Ödland führen seit 1983 von der Küstenstadt  Marsa Matrouh direkt in die Oase, eine der infrastrukturellen Errungenschaften der frühen Mubarak-Jahre.
In einer bescheidenen Raststätte auf halber Strecke, zwischen Armeeposten und Coca Cola-Werbeplakat, kündet das gerahmte Foto eines anderen gefallenen Machthabers von der geographischen und kulturellen Nähe der Oase:
Der ehemalige Diktator von Lybien, Moammar al Ghadaffi, grinst von der Wand. Bis zur lybischen Grenze sind es von Siwa aus nur 60 Kilometer.

Der Staub der Wüste liegt auf den Dattelpalmen in den weitläufigen Plantagen um den Hauptort Siwa. Viele alte Lehmbauten sind dem Verfall preisgegeben, dazwischen schiebt sich moderner Beton. Die wenigen Familien, die es sich leisten können, streichen ihre Fassade in bunten Farben.
Einige wenige der 25.000 Bewohner leben gut von sporadischen Touristen, die von hier aus Touren in die Sanddünen der Sahara machen, doch die meisten leidlich vom Anbau von Datteln und Oliven.
Neben der Handvoll ausländischer Touristen sind die meisten Auswärtigen  in Siwa   Großstädter aus Kairo und Alexandria, die hier als Staatsbedienstete arbeiten. Sie sind durch ihre Trainingsanzüge unschwer von den Einheimischen zu unterscheiden. Die Bewohner Siwas tragen die traditionelle Kleidung der Beduinen: Lange weiße Gewänder und oftmals das typische karierte Tuch der Beduinen auf dem Kopf.
Handelt es sich um Frauen, ist gleichermaßen problemlos herauszufinden, ob sie aus Siwa sind oder nicht. „Sieht man sie auf der Straße, sind sie nicht von hier.“ bringt es Abu Nisma, ein einheimischer Jugendlicher, auf den Punkt. Die Straße ist Männerterritorium in Siwa.
Verheiratete Frauen sind beim Verlassen des Hauses hinter einem schwarzen Gesichtschleier verborgen. Selbst junge Mädchen sind bei weitem seltener auf den Straßen zu sehen als ihre männlichen Geschwister.

In Siwa mischen sich die Traditionen der ursprünglich nomadisch lebenden Beduinen und der alteingesessenen Berberbevölkerung Nordafrikas. Dies unterscheidet die Oase wesentlich von der ägyptischen Mehrheitsbevölkerung im Niltal und im Delta.
Siwa ist nicht nur eine fruchtbare Insel in der westägyptischen Wüste. Jahrhunderte der Isolation und des Desinteresses seitens der Herrschenden am Nil haben Siwa auch zu einer sprachlichen und kulturellen Insel werden lassen.

Es dauerte lange, bis der moderne ägyptische Staat seinen Machtanspruch hier zementierte. Die Machthaber in Kairo schwankten zwischen Zuckerbrot und Peitsche. Im 19. Jahrhundert, nach der Eroberung und der endgültigen Unterwerfung im Jahre 1820, war der ägyptische Staat vor allem in Form von Strafexpeditionen in Siwa präsent.
Die Regierungen in Kairo betrachteten die Region lange als rückständiges und kulturfremdes Hinterland. Dafür hinterließen andere hier ihre Spuren.
Der Reformprediger Mohamed as-Sanussi, dessen puritanische Auslegung des Islams sich mit spritiuellen Praktiken wie der Meditation mischte, gründete Mitte des 19. Jahrhunderts in der nahe gelegenen lybischen Cyrenaika einen Ordensstaat. Von dort aus wirkte er auch in Siwa. Bis heute hat die sufistische Schule des Islams, die er ins Leben rief, zahlreiche Anhänger in Siwa.
Auch das war den Herrschenden am Nil suspekt. 1928 ließ König Fuad die bis heute größte Moschee Siwas errichten und setzte einen Imam ein, der die Lehre der Al-Azhar in Kairo, der bedeutendsten Lehrinstanz im sunnitischen Islam, vertritt.

Der erste postkoloniale Machthaber Gamal Abdel Nasser kündigte 1958 die Entwicklung der isolierten Landesteile an. An Siwa zog diese Entwicklung weitestgehend spurenfrei vorbei. Man suchte nach Öl, fand jedoch nichts.
Schließlich kam im Jahre 1983 die Asphaltanbindung an die Küstenstraße, der Anschluss an das ägyptische Fernsehen dann 1985. Da war die erste Blütephase des ägyptischen Films schon vorbei.
Das Misstrauen gegen den ägyptischen Staat hält bis heute an. Man beklagt Vernachlässigung seitens Kairos.
„Wir haben nur ein Krankenhaus und das ist viel zu klein für Siwa.“ erklärt ein Einheimischer, der in Ismails (Name geändert) lokalem Restaurant am Marktplatz sitzt. Jugendliche in traditionellen weißen Gewändern knattern auf chinesischen Motorrädern vorbei. Hähnchen rotieren am Grill. An der Wand hängt ein Wahlplakat der Salafisten.
„Als es in Kairo mit der Revolution losging, hat man fast alles an Polizei und Militär von hier abgezogen. Und heute lässt man uns mit den Schmugglern alleine.“, fährt er fort.

Die Grenze zu Lybien ist porös und zieht sich über viele Hundert Kilometer durch die Wüste. Siwa ist der einzige grenznah gelegene Ort auf ägyptischer Seite.
Seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges in Lybien blüht der Grenzschmuggel. Es  werden nicht nur Zigaretten für die kettenrauchende ägyptische Bevölkerung am ägyptischen Zoll vorbeigeschmuggelt.
Auch Waffen aus den zahlreichen offenen Depots des gestürzten Machthabers Gaddhafi finden so ihren Weg nach Ägypten. Erst Anfang März beschlagnahmten Sicherheitskräfte 500 Schnellfeuergewehre in Siwa. Schätzungen über die eigentlich geschmuggelte Menge belaufen sich jedoch eher auf das Zehnfache.
Die Gewehre finden ihre Abnehmer vor allem in Oberägypten, einer Region in der blutige Familienfehden weit verbreitet sind.
Kurz nach der Beschlagnahmung der Waffen gingen in Siwa etliche hundert Hektar Plantagenland in Flammen auf. Erst als Löschhubschrauber geschickt wurden, konnten die Flammen eingedämmt werden.
Für die meisten Siwaner besteht kein Zweifel, dass die Schmuggler sich an der Bevölkerung rächen wollten. Kurz zuvor hatte man in Siwa Klage über die ärmliche Absicherung der Grenze bei der Regierung in Kairo eingereicht.

Während die verschiedenen Regierungen in Kairo Siwa wie der gesamten Nordwestprovinz Marsa Matrouh über Jahrhunderte wenig Beachtung zukommen ließen, haben jüngst andere diesen Landesteil für sich entdeckt.
Bereits in der Provinzhaupstadt Matrouh, spiegelt sich ihr Einfluss an den Grafittis an den Häuserwänden wieder. Die zwischen zwei Hügeln aufgehende Sonne ist das Logo der Hizb-an-Nur (Partei des Lichts), der politischen Partei der Salafisten.
Auch in Siwa ist ihr Logo das einzige einer politischen Partei, welches an den  Häusern um den Marktplatz der Stadt zu sehen ist.

Sie gewannen bei den Wahlen 80% der Stimmen in der Provinz Marsa Matrouh, in der auch Siwa liegt. Ein spektakulärer Erfolg. Landesweit konnten die Salafisten 25% der Stimmen auf ich vereinnahmen, womit sie mit weitem Abstand zweitstärkste Kraft nach den Muslimbrüdern wurden.
Viele politische Analysten waren überrascht, die Liberalen in Kairo und Alexandria schockiert über diesen Erdrutscherfolg des politischen Islams.

Doch in Siwa und der 500.000 Einwohner zählenden Matrouh-Provinz kann man einen Schlüssel zur Erklärung dafür finden.
Nicht nur die wechselnden Machthaber in Kairo haben die Provinz stets vernachlässigt, auch in der jüngsten Wahl nahm die Provinz eine untergeordnete Rolle bei den Muslimbrüdern und den säkulären politischen Parteien ein.
Die Salafisten waren die einzigen, die hier dezidiert Wahlkampf betrieben. Dabei konnten sie sich auf die tief verwurzelte Gläubigkeit in der Bevölkerung verlassen.
Liberale Tendenzen und säkularistische Gedanken kamen in der abgelegenen Region nie an.
Auch wenn der politische Islam des Salafismus ein programmatisches Konstrukt des 19.Jahrhunderts ist – ähnlich des saudischen Wahabismus – bezog er in Siwa und Matrouh seine Stärke bei der letzten Wahl wohl eher aus der traditionellen Frömmigkeit der Bevölkerung.
Von den kämpferischen und fanatischen Assoziationen, die der Begriff Salafismus in Europa hervorruft, ist in Siwa jedoch nichts zu spüren. Die Menschen sind hilfsbereit und höflich gegenüber westlichen Besuchern, wenn auch zurückhaltend.

Ob sich die politische Programmatik der Salafisten wesentlich auf die Lebensrealität der Menschen in Siwa auswirken wird, sollten sie in der Zukunft an einer Regierungsbildung beteiligt werden, bleibt eine derweil noch unbeantwortete Frage.
Auch in Siwa hätten sie durchaus noch Reinigungsarbeit zu betreiben, um ihr puritanisches Verständnis eines reinen, ursprünglichen Islams durchzusetzen.
Im Ismails Restaurant am Marktplatz, wo das Wahlplakat der Partei des Lichts an der Tür hängt, wird der westliche Besucher nach Hähnchen und Reis vertraulich in den Kochbereich hineingewunken. Mit aufgelegter Hand auf der Schulter fragt man zuerst, ob er Haschisch kaufen will, dann, ob er Dattelschnaps möchte und schließlich, ob er nicht vielleicht Interesse an einer Prostituierten hat. Aus Siwa.

 

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