Geschichten aus dem Orient

Der Gelehrte und der Kameltreiber

In einer Karawane, die durch die Wüste zog, befand sich ein gelehrter Prediger, der so klug war, dass er 70 Kamele mit sich führte, jedes bepackt mit schweren Kisten. In ihnen befand sich nichts anderes als die Bücher des Gelehrten über die Weisheiten der Vergangenheit und Gegenwart. Die Menge dieser Bücher war nur ein kleiner Tropfen des Wissens, das der Prediger in seinem Kopf herumtrug. Mit der Karawane zog auch ein armer Kameltreiber, von dem bekannt war, dass er glaubte, der letzte Imam (der neue Prophet) sei gekommen. Es musste so kommen, dass der Prediger eines Tages den Kameltreiber zu sich rufen ließ: „Du weißt, wie ich unter den Gelehrten der ganzen Welt bekannt bin. Du siehst die 70 Kamele, die nur einen Schatten meines Wissens mit sich führen. Wie kommt es, dass du, ein einfacher Kameltreiber mit zerlumpten Kleidern der du noch nicht einmal die einfache Kunst des Schreibens und Lesens beherrschst und noch nie eine richtige Schule, geschweige eine Akademie besucht hast, zu glauben wagst, der letzte Imam sei gekommen.“ Der Kameltreiber stand bescheiden vor dem vornehmen Herrn, verneigte sich höflich und begann: „Effendi, Herr, ich hätte es nie gewagt, vor dich zu treten und meine dürftigen Worte an dich zu richten. Aber nun hast du mich gefragt. Ich darf versuchen, das, was ich denke, mit einem armseligen Beispiel zu zeigen. Herr! Du verfügst über wunderbare Kostbarkeiten des Wissens, die ich mit den glänzenden Perlen des Meeres vergleichen möchte. Diese Perlen sind so kostbar, dass sie, in weiche Samttücher gehüllt, in einer kunstvoll verzierten Truhe aufbewahrt werden müssen. Mein Wissen dagegen ist wie diese gewöhnlichen Steine, auf die unser Fuß in der Wüste tritt. Denk dir, die Sonne geht auf. Sie sendet ihre Strahlen zu uns. Herr, meine Frage an dich: Wer nimmt die Sonnenstrahlen auf und spiegelt ihren Schein? Deine kostbaren Perlen in ihren Gefängnishüllen oder meine dürftigen Steine am Rande des Weges?“

Die Krähe und der Pfau

Im Park des Palastes ließ sich eine schwarze Krähe auf den Ast eines Orangenbaumes nieder. Auf dem gepflegten Rasen stolzierte ein Pfau. Die Krähe krächzte: „Wie kann man überhaupt einem solch merkwürdigen Vogel gestatten, den Park zu betreten. Er schreitet so arrogant, als wäre er der Sultan persönlich, und dabei hat er ausgesprochen hässliche Füße. Und sein Gefieder, in was für einem hässlichen Blau! Eine solche Farbe würde ich nie tragen. Seinen Schweif zieht er hinter sich her, als wäre er ein Fuchs.“ Die Krähe hielt inne und schwieg abwartend. Der Pfau sagte eine Zeitlang gar nichts, dann begann er wehmütig lächelnd: „Ich glaube, deine Aussagen entsprechen nicht der Wirklichkeit. Was du an Schlechtem über mich sagst, beruht auf Missverständnissen. Du sagst, ich bin arrogant, weil ich meinen Kopf aufrecht trage, sodass meine Schulterfedern sich sträuben und ein Doppelkinn meinen Hals verunziert. In Wirklichkeit bin ich alles andere als arrogant. Ich kenne meine Hässlichkeiten. Und ich weiß, dass meine Füße ledern und faltig sind. Gerade dies macht mir soviel Kummer, dass ich meinen Kopf hoch trage, um meine hässlichen Füße nicht zu sehen. Du missdeutest das als Arroganz. Du siehst auch nur meine Hässlichkeiten. Vor meinen Vorzügen und meiner Schönheit verschließt du die Augen. Ist dir das nicht schon aufgefallen? Was du hässlich nennst, bewundern die Menschen an mir. Warum siehst du mich nicht so, wie ich bin?“ (nach P. Etessami, persische Dichterin) 

Theorie und Praxis der Menschenkenntnis

Ein gelehriger junger Mann, den es nach Wissen und Weisheit dürstete, hatte unter vielen Entbehrungen fern seiner Heimat, in Ägypten, die Physiognomie, die Wissenschaft der Ausdruckskunst studiert. Sechs Jahre hatten seine Studien gedauert. Schließlich legte er seine Prüfung mit dem besten Erfolg ab. Voll Freude und Stolz ritt er in seine Heimat zurück. Jeden, den er unterwegs traf, sah er mit den Augen seiner Wissenschaft an, und um seine Kenntnisse zu erweitern, las er im Gesichtsausdruck all jener, die ihm begegneten. Eines Tages traf er einen Mann, in dessen Gesicht er folgende sechs Eigenschaften ausgeprägt fand: Neid, Eifersucht, Gier, Habsucht, Geiz und Rücksichtslosigkeit. „Bei Gott, was für ein ungeheurer Gesichtsausdruck, so etwas habe ich noch nie gesehen und gehört. Ich könnte hier meine Theorie prüfen.“ Während er dies dachte, kam der Fremde mit einer freundlichen, gütigen und demütigen Haltung auf ihn zu: „O Scheich! Es ist schon spät am Tage, und das nächste Dorf ist weit weg. Meine Hütte ist klein und dunkel, aber ich werde dich auf meinen Armen tragen. Welche Ehre wäre es für mich, wenn ich dich diese Nacht meinen Gast nennen dürfte, und wie glücklich würde mich deine Anwesenheit machen!“ Verwundert dachte unser Reisender: „Wie erstaunlich! Welch ein Unterschied besteht zwischen den Reden dieses Fremden und seinem abscheulichen Gesichtsausdruck.“ Diese Erkenntnis erschreckte ihn zutiefst, er begann an dem, was er über sechs Jahre gelernt hatte, zu zweifeln. Um sich Gewissheit zu verschaffen, nahm er die Einladung des Fremden an. Dieser verwöhnte den Gelehrten mit Tee, Kaffee, Säften, Gebäck und einer Wasserpfeife. Er überhäufte seinen Gast mit Liebenswürdigkeiten, mit Güte und Höflichkeit. Drei Tage und Nächte gelang es dem Gastgeber, unseren Reisenden bei sich zu halten. Endlich war es dem Gelehrten möglich, sich der gastfreundlichen Höflichkeit zu erwehren und den festen Entschluss zur Weiterreise zu fassen. Als der Abschied gekommen war, reichte sein Gastgeber ihm einen Briefumschlag mit den Worten: „O Herr! Das ist eure Rechnung.“ „Welche Rechnung?“, fragte verwundert der Gelehrte. Wie man ein Schwert aus der Scheide zieht, zeigte der Gastgeber plötzlich sein wahres Gesicht. Er zog seine Stirn in strenge Falten und schrie mit böser Stimme: „So eine Unverschämtheit! Was hast du dir denn gedacht, als du hier alles gegessen hast? Hast du gedacht, dass alles umsonst war?“ Bei diesen Worten kam der Gelehrte mit einem Schlag zu sich und schweigend öffnete er den Brief. Er sah, dass das, was er gegessen und nicht gegessen hatte, hundertfach in Rechnung gestellt worden war. Nicht die Hälfte des Geldes trug er bei sich, das von ihm gefordert worden war. Notgedrungen stieg er vom Pferd und gab es seinem Wirt, dazu den Sattel mit allem Gepäck, und als dies noch nicht reichte, zog er auch noch sein Reisekleid aus. Zu Fuß machte er sich auf den Weg. Wie verzückt beugte er seinen Körper bei jedem Schritt und Tritt. Man hörte noch über eine lange Strecke seine Stimme: „Gott sei Dank, Gott sei Dank, dass meine sechs Jahre Studium nicht vergeblich waren!“

(Nach ´Abdu´l-Bahá)

Quelle:http://www.neue-akropolis.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s