Die Essener und die Schriften von Qumran

eine andere Essener-Theorie


Im Jahre 1947 fand ein beduinischer Hirtenjunge nahe dem Toten Meer auf der Suche nach einer verirrten Ziege Schriftrollen und Handschriften in Tongefäßen. Beschrieben wird darin die Lehre einer oder vielleicht auch mehrerer religiöser Gemeinschaften. Die Schriftrollen haben die zeitgenössische Theologie ziemlich durcheinander gebracht, der so genannte „Forschungsstand“ änderte sich im Laufe der Jahrzehnte mehrfach, und am Rande der seriösen Forschung gab es immer wieder kühne Spekulationen über die damalige Zeit, die bislang in dieser Form noch nicht geäußert worden waren.

Ein großer Teil der Forscher ging lange davon aus, dass es sich bei der Gemeinschaft von Qumran wohl um eine Untergruppe der so genannten Essener handeln würde, von denen auch anderweitig berichtet wird, vor allem beim Historiker Flavius Josephus (De bello Judaico 2, 119-161) und beim Philosophen Philon von Alexandria (Prob Lib 72-91), beides Juden, die im 1. Jahrhundert nach Christus lebten. Man sprach und spricht deshalb manchmal von den „Qumran-Essenern“ (1). In jüngerer Vergangenheit wurde jedoch immer fraglicher, ob man es bei den in Qumran gefundenen Schriften wirklich mit „Essener“-Schriften zu tun hat oder ob dahinter nicht doch eine eigenständige Gruppe, unabhängig von den Essenern, steht. 
Da es Parallelen zu Jesus von Nazareth und dem Urchristentum gibt, stellten die Bestseller-Autoren Michael Baigent und Richard Leigh in ihrem BuchVerschlusssache Jesus (1991 erschienen) zwischen den so genannten „Qumran-Essenern“ und den Urchristen eine enge Verbindung bis zur möglichen Identität her. So deuteten sie den in den Qumran-Texten genannten „Lehrer der Gerechtigkeit“ als Jakobus, den Gemeinde-Ältesten der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem, und den „Mann der Lüge“ als Paulus. Eine kühne Vermutung, die sich aber letztlich nicht halten lässt. Doch auch die nachweisbaren Fakten beinhalten noch genügend Zündstoff.

Qumraner und Essener lebten die Gütergemeinschaft

So belegen die Schriften mehrere Gemeinsamkeiten zwischen der Gemeinschaft von Qumran und Jesus von Nazareth: In den Schriften von Qumran wird z. B. eine eigene soziale Gemeinschaft innerhalb, aber am Rande der damaligen Gesellschaft beschrieben, die sich von den einflussreichsten religiösen Parteien der Pharisäer und der Sadduzäer sowie der Volksfrömmigkeit abgrenzte. Ähnliches wird von den Essenern berichtet. Und wie später bei Jesus von Nazareth und der Jesusbewegung führte dies auch bei diesen Gruppen zu heftigen Konflikten mit dem israelischen Amtspriestertum, dem sich damals überwiegend Sadduzäer verbunden fühlten und dem sich nachweislich die Essener nicht unterordnen wollten. Mehrere Essener sollen deshalb auch den Märtyrertod gestorben sein.
Die Gemeinschaft, die in den Schriftrollen von Qumran überwiegend beschrieben wird, lehnte das Priestertum jedoch nicht ab, sondern verschärfte sogar die kultischen Anforderungen und auch die Ethik. Ähnlich wie bei Jesus gab es einen engeren Kreis von 12 Männern um den Leiter der Gemeinde, eben dem „Lehrer der Gerechtigkeit“. Die Anhänger lebten nach dem Gebot Bete und arbeite“ in Gütergemeinschaft und legten Wert darauf, ihre Sinne zu „disziplinieren„, d. h. entsprechend diszipliniert und asketisch zu leben. Angesichts des erwarteten Messias und seines herbei gesehnten „Friedensreiches“ verkündeten sie eindringlich die „Buße“, also eine Umkehr bzw. eine Notwendigkeit der Vergebung und Erneuerung des Lebens. Doch wie sollte diese bei dieser Gruppierung praktisch aussehen?

Kult und Waffen

Und hier tut sich ein erster wichtiger Gegensatz zu Jesus auf. Die Qumraner sind bei ihren Erneuerungsbestrebungen, ähnlich wie die Pharisäer, oft auf Äußerlichkeiten fixiert, und sie verschärfen in fanatischer Weise viele veräußerlichte Kultgesetze wie das Sabbatgebot. Jesus von Nazareth hatte jedoch mit Kult, Ritualen und äußerlichen Frömmigkeitsübungen überhaupt nichts im Sinn, und auch die Essener scheinen sich anderen Dokumenten zufolge ein gutes Stück weit davon befreit zu haben. 

Der zweite gravierende Gegensatz zwischen Jesus und Qumran besteht beim Thema „Gewalt und Feindesliebe„. Jesus lehrte und lebte die Feindesliebe vor, und er war, anders als es manche Texte aus Qumran bezeugen, gegen den Gebrauch von Waffengewalt. In der Diskussion über die Verschlusssache Jesus wurde dies aber mehr und mehr in Frage gestellt. So zeichneten Journalisten verschiedentlich ein Bild von einem Jesus, der womöglich nur in seiner Jugend pazifistisch gewesen wäre. Der „ältere“ Jesus, der die Ungerechtigkeit der Römer erlebt hätte, hätte seine Überzeugung dadurch womöglich geändert. Diese Beurteilung stützt sich v. a. auf die Bibelstelle inLukas 22, 36-38, wonach Jesus kurz vor seiner Gefangennahme rät, ein Schwert zu kaufen, woraufhin ihm die Jünger zwei Schwerter präsentieren. Dies sei „genug“, so Jesus. Doch diese beiden Schwerter würden zwar einen möglichen Räuber abschrecken – und das ist sehr wahrscheinlich auch ihr ganz praktischer Sinn gewesen -, für eine bewaffnete Auseinandersetzung mit einer ganzen Truppe von Soldaten und Wachleuten sind sie aber völlig unzureichend. Außerdem weist Jesus wenige Augenblicke später den aktiven Einsatz der Schwerter deutlich zurück (Verse 49-51), und er erklärt nach Matthäus 26, 52-53 unmissverständlich: „Alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ 


Ein gewalttätiger Jesus wäre damals wie heute allerdings denen lieber, die selbst in den Kreislauf der Gewalt verwickelt sind, wie z. B. Anhänger zunehmend radikalerer nationalistischer Bewegungen. Dass in „der letzten Zeit“ der materialistischen Welt die Gewalt eskaliert, davon hat auch Jesus selbst gesprochen, z. B. in Markus 13, 8: „[In der letzten Zeit] … wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere. Es werden Erdbeben geschehen hier und dort, es werden Hungersnöte sein. Das ist der Anfang der Wehen.“ Doch seine Nachfolger beteiligen sich nicht an den Kriegen und Aufständen, sondern sie befolgen seine Bergpredigt(Matthäus 5-7), in der er u. a. sagte: „Selig sind die Friedensstifter; denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (5, 9). Dennoch kam es immer wieder vor, dass Jesus von bestimmten Leuten für die jeweils eigene gewalttätige Partei vereinnahmt wurde. So hat es die Kirche Jahrhunderte lang praktiziert, und so geschieht dies in unserer Zeit z. B. ungeniert durch die Regierungen der USA. Und so rückt auch die Verschlusssache Jesus den Mann aus Nazareth nahe an die Schwertkämpfer der Vergangenheit heran.

Verschwörung im Vatikan?

Was beabsichtigten nun die Autoren aber mit einem gewaltbereiten Jesus? Obwohl die katholische Hierarchie sich noch nie durch Gewaltfreiheit und Pazifismus ausgezeichnet hatte, sollte mit den Bestseller-„Enthüllungen“ von Michael Baigent und Richard Leigh in erster Linie der Vatikan getroffen werden, der die Qumran-Forschung in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts unter Kontrolle seiner Glaubenskongregation (früher „Heilige Inquisition“) gebracht hatte. Die Veröffentlichung wesentlicher Dokumente wurde und wird nämlich, wie Kritiker immer wieder beklagten, seit Jahrzehnten hinausgezögert oder verhindert, und viele der „renommiertesten“ Wissenschaftler in der Qumran-Forschung, so kritische Berichte, mussten sich angeblich wegen „persönlichen Versagens“ zurückziehen oder sie starben unerwartet.
Das klingt durchaus nach einer möglichen Verschwörung
. Vor allem, wenn man bedenkt, dass weder eine Gemeinschaft von Qumran noch die Essener im gesamten Neuen Testament irgendwo erwähnt sind. So kann man fragen, ob die so genannte frühkatholische Kirche z. B. bereits bei der Entstehung des Neuen Testaments massiv in die Darstellung des Urchristentums und des Judentums zur Zeit von Jesus eingegriffen hat. Immerhin kannte der katholische „Kirchenvater“ Hieronymus, der im Auftrag von Papst Damasus I. im Jahr 383 eine vereinheitlichte Fassung der Bibel heraus gab (die so genannte Vulgata), nachweislich noch einen „geheimen“ Urtext des Matthäusevangelium, der von dem uns heute bekannten Matthäusevangelium erheblich abgewichen hat (vgl. hier). Dies ist sicher und bezeugt.


Doch die Inhalte des Buches Verschlusssache Jesus vergrößern leider nur das Durcheinander anstatt notwendige Klärungen herbeizuführen. 

Ein wichtiges Thema ist dabei das Alter der Rollen. Mit Hilfe einer als zuverlässig geltenden Radiocarbon-Methode wird der große Teil der Schriften von den meisten Wissenschaftlern in das 1. Jahrhundert vor Christus datiert. Die Bestseller-Autoren glauben aber anderen Untersuchungen und datieren die Schriften in das 1. Jahrhundertnach Christus, also in die Zeit des Urchristentums. Das stärkste Argument dafür scheint aber ihr Wunschdenken zu sein. Doch auch wenn die Dokumente den Untersuchungen zufolge sehr wahrscheinlich aus dem 1. Jahrhundert vor Christus stammen, wovon die meisten Wissenschaftler ausgehen, bleiben ihre Inhalte dennoch spannend und von Bedeutung für die Entstehung des Urchristentums.

 Vorbereitung für das Friedensreich?

Denn die Bewegungen von Qumran und die Essener stehen trotz einiger Gegensätze immer noch in größerer Nähe zu Jesus von Nazareth als die kirchlichen Lehren. Dass der Mann aus Nazareth keine weltweite katholische Kirche eingesetzt hat und keine Fundamente für die späteren kirchlichen Dogmen und Zeremonien gelegt hat, dafür genügt als Quelle jedoch das Neue Testament. Die Textfunde von Qumran sind hier nur am Rande bedeutsam, da in ihnen – wie bereits dargelegt – eben nicht die Jesusbewegung beschrieben wird, sondern eine andere oder gar mehrere Gruppierungen der damaligen Zeit. Eine an den Haaren herbei gezogene Identifizierung zwischen Jesus und der Qumran-Gemeinschaft ist für das Anliegen, die Fundamente des Vatikan ins Wanken bringen zu wollen, deshalb eher schädlich.

Worum ging es Jesus von Nazareth? Er versuchte, das damalige Volk Israel zu sammeln (z. B. Matthäus 23, 37b) und im Einklang mit den Geboten Gottes zunächst innerlich und dann auch äußerlich zu einen. „Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen“, hat er mehrfach gesagt, und er wollte das Friedensreich aufbauen, das schon von den jüdischen Propheten vorhergesagt wurde. Dieses „Reich“ entsteht zuerst im „Inneren“ eines jeden Menschen (Lukas 17, 21), der durch das Leben nach den 10 Geboten und der Bergpredigt von Jesus friedfertig geworden ist und seinem Nächsten dient. Und es nimmt mit der Zeit dann auch im Äußeren Gestalt an (siehe z. B. Matthäus 13, 31-32). Was haben nun aber Qumran und die Essener damit zu tun?


Eine Verbindung von Johannes dem Täufer sowohl zu Jesus als auch zu Qumran gilt als sehr wahrscheinlich. Und weiter: Die Menschen von Qumran wollten bewusst das Volk David sein. Die Vision eines erneuerten Volkes war also bei ihnen zentral – wie zuvor schon bei den großen jüdischen Propheten und später in der Jesusbewegung. Die Qumraner verstanden sich als eine Art „Stoßtrupp“ für das Friedensreich des kommenden Messias. Und ähnliches gilt auch für die Essener, wie Flavius Josephus sie beschrieb: Liebe, asketischer Lebensstil, eher strenge Ethik, Gütergemeinschaft, Friedfertigkeit, gemeinsames Mahl und vieles mehr waren Vorboten für eine neue kommende Friedenszeit.

Nach der in Qumran gefundenen Gemeindeordnung (1QSa) glaubte man jedoch, dass der kommende Messias sich dem amtierenden Hohenpriester unterordnen würde und beide gemeinsam wirken würden. Doch für Jesus waren die Priester und Schriftgelehrten eine „Schlangenbrut“ (Matthäus 23, 33), welche die Menschen daran hindern, das Reich Gottes zu finden. Und auch für die Essener ist eine derartige Hochschätzung des Hohenpriesters schwer vorstellbar – ein deutliches Indiz, dass es sich bei der Gemeinschaft um Qumran um eine eigenständige Gruppierung handelt, die man z. B. Qumraner nennen könnte.

Sie folgten nicht nach

Jesus von Nazareth entlarvte die Heuchelei des Amtspriestertums, und deren Vertreter waren in keiner Weise einsichtig und sie sperrten sich gegen seine Botschaft und sahen in ihr zurecht eine Bedrohung ihrer Ego-Macht – so wie sich in den vergangenen Jahrhunderten die Priester immer gegen die Gottespropheten (Jesaja, Jeremia, Hosea, Amos, Ezechiel, Daniel und viele mehr) gestellt hatten, so dass der urchristliche Diakon Stephanus ausrufen konnte: „Welchen Propheten haben eure Väter nicht verfolgt?“ (Apostelgeschichte 7, 52). Wenige Augenblicke später wurde Stephanus von den Priestern und ihren Schergen ermordet. Wie würden nun aber die Qumraner und die Essener sich in diesem Konflikt zwischen Jesus und seinen Nachfolgern einerseits und dem Amtspriestertum andererseits verhalten? Vieles, was sie lehrten, wurde ja von Jesus bestätigt. Gehörte es vielleicht zu ihrem geistigen Auftrag, durch das Positive in ihrem Leben mitzuhelfen, dass Jesus, dem Christus, der Weg bereit werden kann? 
Nach Aussagen der meisten Wissenschaftler habe der „Lehrer der Gerechtigkeit“ sogar bereits im 2. Jahrhundert vor Christus gelebt. Wer die Qumran-Gruppe oder die Gruppen dann zu Lebzeiten von Jesus leitete, ist nicht bekannt. Doch es wäre allen damals aktiven Bewegungen auf jeden Fall möglich gewesen, sich Jesus von Nazareth anzuschließen und sich von ihm hier und da im Hinblick auf ihre noch vorhandenen Fehleinschätzungen oder Eigenheiten korrigieren zu lassen. Doch sowohl die Qumraner oder Qumran-Essener als auch die Essener, wie sie in den Schriften von Josephus und Philo beschrieben werden, hatten eben – wie viele andere religiöse Gruppen auch – ihre speziell eigenen Vorstellungen vom kommenden Messias, die sie nicht aufgeben wollten, in Qumran z. B. in der Frage von Gewalt und Feindesliebe (siehe oben).Zudem hatte man in Qumran eben sehr strenge und fanatische Vorstellungen vom Tempelkult, und die offiziell durchgeführten Riten im Tempel zu Jerusalem waren für die Bewohner von Qumran bereits eine Abweichung von den ursprünglichen Tempel-Vorschriften, was wesentlich für die Distanzierung der Qumraner vom damaligen israelischen Amtspriestertum war (siehe dazu z.B. http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/themenkapitel-nt/religioese-parteien/essener/). Und so waren sie eben – völlig anders als Jesus – dem Kult und seiner angeblich von Gott angeordneten Durchführung verhaftet (siehe oben). Doch Jesus hielt im Gegensatz dazu überhaupt nichts von Kult und Zeremonien und auch nicht viel von prachtvollen Kult-Häusern aus Stein und Edelhölzern (gleich den früheren Propheten wie z. B. Nathan (2.Samuel 7, 4-7)und Jesaja (66, 1-2); vgl. dazu „Freie Christen Nr. 1“: Gott wohnt nicht in Kirchen aus Stein). Er sprach stattdessen vom „stillen Kämmerlein“, in das man sich zum Beten zurückziehen solle (Matthäus 6, 5-6). Und während einer seiner Jünger sich vom damaligen Tempel beeindruckt zeigte („Was für Steine und was für Bauten!“Markus 13, 1), prophezeite Jesus bereits die Zerstörung dieses Monumental-Baus: „Nicht ein Stein wird auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde“ (V. 2). So gesehen hatten Jesus und die Qumraner nicht viel miteinander zu tun und die Qumraner standen sogar näher an der von den Sadduzäern beherrschten Priesteraristokratie und den Pharisäern.

Während des Auftretens von Jesus sind jedoch keine gesicherten Daten über Qumran oder die Essener bekannt. Wie hätte sich jedoch die Geschichte entwickelt, wenn der größte Teil der jüdischen Bevölkerung und alle größeren und kleineren Gruppen und Grüppchen Jesus als den „Messias“ (den von Gott Gesandten) anerkannt hätte und wenn die Leute damit angefangen hätten, zu tun, was er lehrte? Die Kirche und das abendländische Christentum wären womöglich nie entstanden, zumindest nicht in der römisch-katholischen Ausprägung. Doch die Menschen von Qumran sind, wie auch die Essener, als Gemeinschaft Jesus nicht gefolgt.


Als These formuliert, könnten im Hinblick auf die Gemeinschaft von Qumran vor allem die beiden Sachverhalte entgegen gestanden haben, über die oben bereits geschrieben wurde, und die hier noch einmal zusammengefasst werden:


1) Die qumranische Glaubensgemeinschaft war noch stark priesterlichem, hierarchischem, kultischem und damit veräußerlichtem Denken verhaftet. Priester und Kult spielen jedoch in der Botschaft von Jesus Christus und in seinem geplanten Friedensreich keine Rolle mehr, und eine Hierarchie lag ihm fern, denn ihr alle aber seid Brüder [und Schwestern] (Matthäus 23, 8).

2) Es konnte sich in Qumran auch das Vertrauen nicht durchsetzen, dass das Friedensreich nicht mit Waffengewalt gegen die Römer entstehen soll, sondern in jeder Hinsicht gewaltlos nach der Botschaft der Bergpredigt des Jesus von Nazareth.

Jesusbewegung: „Wenn und Aber“ als Verhängnis

Vermutlich gab es Wanderungsbewegungen von Qumran und den Essenern zu den Anhängern von Jesus von Nazareth und in die umgekehrte Richtung, wobei letztlich fast alle damaligen Zeitgenossen Jesus die Gefolgschaft versagten. Doch auch unter den schließlich nur noch wenigen Anhängern von Jesus verlief die Entwicklung nicht besonders gut. Es entstanden zwar urchristliche Gemeinden, die jedoch vor allem seit dem Auftreten des Paulus durch Unstimmigkeiten und Zerwürfnisse geschwächt wurden (vgl. dazu Der Theologe Nr. 5). Hierarchisches Denken zog auch in diese Gemeinschaften wieder ein, und daraus gingen dann wieder „geistliche“ und priesterliche Obrigkeiten hervor, die Jesus niemals wollte. Damit wurde hier die Saat für eine äußere Kirche gelegt, die sich wieder an den heidnischen und dem jüdischen Kult orientierte und die mit den ursprünglichen Visionen und Plänen von Jesus nicht mehr viel zu tun hatte.

Doch für die inneren Auseinandersetzungen im Urchristentum war nicht Paulus alleine verantwortlich. Glaubt man einer „Neu-Offenbarung“ von 1989, dann gab darin Christus selbst eine Erklärung hierzu. Es heißt dort: „Der eine glaubte sofort an Meine Sendung, der andere zweifelte daran, da er vieles aus Meiner Rede … nicht verstehen konnte … Bei vielen gab es ein langes Hin und Her, ein Wenn und Aber. Die Unentschiedenheit war für viele ein Verhängnis. Sie blieben einige Zeit – dann trennten sie sich wieder von mir … Die Vorstellungen und Interessen waren mannigfach und das Denken so unterschiedlich wie die Menschen selbst … Die sich von Herzen entschieden und Meine Lehren verwirklicht haben, standen zu Meiner Rechten und blieben an Meiner Rechten“ (Das ist Mein Wort, S. 93, http://www.das-wort.com/deutsch/gottesprophetie-aktuell/das-ist-mein-wort—alpha-und-omega.php).


Unabhängig von der Glaubwürdigkeit dieser Quelle berichtet der jüdische Wissenschaftler Prof. Dr. Shemaryahu Talmon Ähnliches von Qumran: Es hätte ein Kommen und Gehen gegeben und unterschiedliche Vorstellungen. So erklärt der Wissenschaftler die Tatsache, dass die Qumran-Schriften nicht als einheitlich anzusehen sind. Möglicherweise hat es in Qumran auch innere Auseinandersetzungen wegen der Botschaft von Jesus von Nazareth gegeben. Das kann man jedenfalls vermuten.


Wie eng die Geschichte von Jesus von Nazareth und seiner Anhänger mit der Geschichte von Qumran und den Essenern verbunden ist, kann letzten Endes nicht mit Sicherheit geklärt werden.

Das Ende von Qumran

Was ist aus Qumran geworden? Die Bewohner von Qumran haben sich offenbar am Aufstand gegen die Römer (66-70) beteiligt, was als eine Konsequenz ihrer Überzeugungen zum Thema „Gewalt“ und ihrer politischen Vorstellungen auch einleuchtend ist. Über Qumran ist bekannt, dass der Ort dann von der 10. römischen Legion unter Vespasian im Jahre 68 n. Chr. geschleift wurde. Die Qumraner wurden vermutlich niedergemacht oder in die Sklaverei verkauft. Qumran ist von nun an ein römischer Militärposten. Und im Jahr 70 wurde schließlich auch der Tempel in Jerusalem ganz kurz nach seiner Fertigstellung von den Truppen Roms zerstörtUnd in den Jahren 132-135 formiert sich ausgerechnet in Qumran bzw. Mesad Chasidin, wie der Ort jetzt heißt, der letzte jüdische Aufstand unter Bar Kochba. Auch er wird von den Römern niedergeschlagen und mit ihm alle weltlich-militärischen Vorstellungen von einem Friedensreich, von dem man glaubte, dass es in Palästina seinen Anfang nehmen würde.

In Kommunikation mit der „Erdenmutter“:
Eine andere Essener-Theorie

Was bleibt von der Verschlusssache Jesus? Hierzu gibt es noch eine bemerkenswerte Variante zu den Essenern, die ebenfalls bestätigen würde, dass Qumraner und Essener nicht zusammen gehören und welche die Essener viel näher bei Jesus sieht als die Qumraner. Der Wissenschaftler Dr. Edmond Bordeaux Székely (der eng mit dem Schriftsteller und Philosophen Aldous Huxley zusammenarbeitete) ist sich – wie die Bestseller Autoren Michael Baigent und Richard Leigh – sicher, dass der Vatikan wichtige Unterlagen versteckt. Doch geht er von ganz anderen Inhalten in diesen Unterlagen aus. Nach seinen eigenen Angaben wurde ihm vom Leiter der Vatikan-Archive einmal ausnahmsweise Zugang zu einem verschlossenen Raum in den unterirdischen Gewölben gewährt. Er schreibt: 
„Dort lagern Stapel verstaubter Rollen von uralten Handschriften, darunter mehrere aramäische Essener-Dokumente, aber auch unveröffentlichte Evangelien des Barnabas, Jacob, Peter, Thomas und anderes mehr.“ Jahre vergingen, bis Edmond Bordeaux Székely nach eigenen Angaben die geheim gehaltenen Inhalte – hauptsächlich durch Inspiration – zu rekonstruieren versuchte und u. a. unter dem Titel Das Friedensevangelium der Essener veröffentlichen konnte (so der Titel von Buch 1, Verlag Bruno Martin, Südergellersen 1977; Buch 2: Die unbekannten Schriften der Essener, Frankfurt 1978). Dieses Evangelium enthält einige Informationen über die Essener, die auch schon durch die antiken jüdischen Schriftsteller Josephus und Philo sowie den Römer Plinius (Plinius der Ältere, Naturalis historia, Bd. 5, 73) bekannt wurden, und es rückt die Essener sehr nahe an Jesus heran – wie bei der Verschlusssache Jesu, nur in diesem Fall aufgrund ganz anderer Inhalte. Nach Bordeaux Székely sind auch die Essener pazifistisch. Sie hätten sich wie Jesus vom Kult und der Hierarchie gelöst und stünden in intensiver Kommunikation mit der „Erdenmutter“, mit „Engeln“ und mit den Naturkräften. 
Eine Frage dazu ist aber natürlich: Handelt es sich hier nun tatsächlich um Inhalte aus alten „unterdrückten“ „Essener“-Schriften? Oder kann man nur sagen, dass sie im 20. Jahrhundert veröffentlicht wurden und man nicht wisse, ob diesen „Inspirationen“ ältere Quellen zugrunde liegen. Immerhin bestätigt der Historiker Flavius Josephus,dass die Essener keine Tieropfer darbrachten (De bello Judaico 18, 11.18-22), was deutlich in die Richtung der These Székelys geht und auch mit Jesus von Nazareth übereinstimmt, der die Tierhändler aus dem Tempel trieb. Auch schreibt der Römer Plinius der Ältere, dass eine große Gruppe der Essener in En Gedi am Toten Meer lebte und eben nicht (!) in Qumran. Und in En Gedi wurde 1998 auch tatsächlich eine Siedlung aus dem 1. Jahrhundert ausgegraben. Auch dies ist ein starkes Indiz dafür, dass es sich bei der Gemeinschaft von Qumran und den Essenern eben um zwei unterschiedliche Gruppen handelt: Die eine hätte demnach in Qumran gelebt, die andere in En Gedi.
So ist es sehr gut möglich, dass Székely im Prinzip Recht hat und dass dann hinter den Qumran-Schriften eben keine Qumran-„Essener“ stecken, sondern Menschen und ihre Lehren, die nicht in einem Atemzug mit den Essenern genannt werden sollten.

Doch die Situation ist noch vielschichtiger: Manchmal wird neben den Essenern und Qumran auch noch die Gruppe der Nazoräer genannt, die wiederum verschiedentlich mit den so genannten „Essäern“ zur Deckung gebracht wird. Auch von den Nazoräern wird berichtet, dass sie z. B. Fleischnahrung und Tieropfer ablehnten(siehe dazu eine Anmerkung). Anscheinend lehrte auch diese Gemeinschaft ähnlich bzw. teilweise gleich wie Jesus, pflegte aber – wie andere auch – mehr ihre Gruppen-Eigenheiten anstatt die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und sich dem Mann aus Nazareth anzuschließen. Da allerdings „Essener“ und „Nazoräer“ genau wie Jesus keine Tiere opferten, könnten Essener und Essäer = Nazoräer auch identisch sein bzw. in ihren Lehren sich weitgehend decken.

Die Funde von Nag Hammadi – esoterische Strömungen unterschiedlicher Qualität

Gesichert sind in diesem Zusammenhang die Funde von Nag Hammadi am Nil. Dort lagen außerbiblische Evangelien seit dem 1. Jahrhundert unter dem Wüstensand verschüttet (z. B. das Thomasevangelium), und sie entgingen so der kirchlichen Dokumentenvernichtung, die v. a. im 4. Jahrhundert wütete. Ein tragischer Höhepunkt war damals das „versehentliche“ Niederbrennen der größten Bibliothek der Antike in Alexandria im Jahr 389, neun Jahre nachdem der Katholizismus zur Staatsreligion aufgestiegen war und auf Abweichungen vom Katholizismus bereits die Todesstrafe stand. Die Mönche der Kirche hätten angeblich „nur“ den benachbarten heidnischen Serapis-Tempel in Schutt und Asche legen wollen und verbrannten die größte Bibliothek der Antike gleich mit.
Die Kirchenforschung bezeichnet diese Funde heute als „gnostisch“ – ein negativer Sammelbegriff, mit dem im kirchlichen Sprachgebrauch viele mystische bzw. esoterische Strömungen von sehr unterschiedlicher Qualität zusammengefasst werden, um sie von den eher kirchenkonformen Dokumenten einer zunehmend veräußerlichten Religiosität zu unterscheiden. Tatsächlich enthalten diese Dokumente zu einem Teil auch „urchristliches“ Gedankengut.
Die Texte von Nag Hammadi (http://de.wikipedia.org/wiki/Nag-Hammadi-Schriftensind nun wiederum sehr verwandt mit den inspirierten Texten von Dr. Edmond Bordeaux Székely und sie stehen folglich Jesus von Nazareth und dem Urchristentum vielfach nahe. Von daher sind Querverbindungen von deren Autoren zur Jesusbewegung auch hier viel deutlicher als bei den Qumran-Texten.
Allerdings gibt es auch hier wieder sehr große Unterschiede zwischen den so genannten „gnostischen“ Texten und den urchristlichen, was man gut am Beispiel des im Jahr 2006 erstmals in Auszügen veröffentlichen Judasevangeliums sehen kann, das in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts in Mittelägypten gefunden wurde. Demnach habe z. B. Jesus Judas um den Verrat gebeten, um von seiner „körperlichen Hülle“ befreit zu werden – ein scheinheiliger Unsinn, denn Jesus wollte mit seinen Jüngern und dem Volk die Fundamente für das Friedensreich auf Erden legen und dieses in der Folgezeit weiter aufbauen. Und Jesus litt nicht an einer psychisch hochproblematischen oder gar krankhaften Todessehnsucht oder dergleichen. Auch zählt es zu den kirchlichen und teilweise auch „gnostischen“ Lügen, dass die Hinrichtung von Jesus angeblich notwendig gewesen wäre, um den Menschen das „Heil“ zu bringen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die religiösen Anschauungen im Palästina des 1. Jahrhunderts sehr vielfältig waren (Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten, Qumraner, Essener/Nazoräer (Essäer), „Gnostiker“ bzw. Esoteriker) und dass es der Jesus-Bewegung nicht gelungen ist, zu einer mächtigen und friedvollen Alternative heran zu wachsen, zu der Zug um Zug auch immer mehr ehemalige „Esoteriker“, ehemalige „Qumran-Leute“, ehemalige „Essener“, ehemalige „Nazoräer“, ehemalige Pharisäer usw. hinzu gekommen wären.

Exkurs: Jesus und das jüdische Gesetz

An dieser Stelle ist es sinnvoll, noch einmal inne zu halten, und sich die Botschaft des Jesus von Nazareth, so weit sie bekannt ist, einmal im Hinblick auf die damals geltenden religiösen Gesetzesvorschriften näher zu betrachten, wie sie etwa von den herrschenden Parteien der Pharisäer und Sadduzäer vertreten wurden. Vor diesem Hintergrund kann man dann auch die Theorien über Qumran und die Essener besser verstehen. Bezieht man hierzu die gesicherten Funde von Nag Hammadi in ein mögliches Gesamtbild der damaligen Situation mit ein, dann könnte die Botschaft von Jesus von Nazareth wie folgt in das zeitgeschichtliche jüdische Umfeld eingeordnet werden:

 Jesus und seine Nachfolger brachten keine neue Religion, sondern sie wollten den Bund Gottes mit Mose im „Reich Gottes auf Erden“ praktisch in die Tat umsetzen. Wenn Jesus von Nazareth hierbei von der Erfüllung des „Gesetzes“ sprach (Matthäus 5, 17 ff.), dann bezog er sich aber auf ein ursprüngliches „Gesetz Gottes“ und nicht auf das bis heute im Alten Testament stehende „Gesetz“, das durch die Fälschungen von Priestern im Laufe der Jahrhunderte entstanden ist und das zu Lebzeiten von Jesus vor allem den Sadduzäern, Pharisäern und Qumranern als Grundlage diente. Ähnliches wie von Jesus wird von den Essenern berichtet.
Jesus ging davon aus, dass Mose in der Tat Grundzüge und viele Einzelheiten des ursprünglichen „Gesetzes Gottes“ offenbart wurden, wobei „Gesetz Gottes“ einfach ein anderes Wort ist für ein praktisches Leben im Geiste Gottes. Später erhielt Mose dann als vereinfachten Auszug daraus die Zehn Gebote. Und was dieses „Gesetz“ an weiteren Einzelheiten beinhaltete, kann man wiederum an der Lehre von Jesus ablesen, denn er sagte, nicht der „kleinste Buchstabe“ würde vergehen (Matthäus 5, 18)
Demnach muss man eine Identität dieses Gesetzes, von dem Jesus hier sprach, mit der Lehre von Jesus annehmen. Was heute über Mose und das 
Gesetz Gottes im Alten Testament zu lesen ist, steht aber vielfach im Widerspruch zu Jesus von Nazareth. Und dafür gibt es eben diese einfache Erklärung, die auch durch viele Indizien belegt wird: Die Texte im heutigen Alten Testament waren von Priestern massiv überarbeitet und verfälscht worden und Jesus bezog sich auf das ursprüngliche Gesetz Gottes und nicht auf dieses verfälschte Alte Testament. 

So lautet z. B. eine alttestamentliche Quellenschrift auch „Priesterschrift“. Die Priester haben also dort (und nicht nur dort, sondern z. B. auch in den Prophetenbüchern) die Geschichte Israels und seine Ethik nach ihren priesterlichen Interessen umgeschrieben. In Wirklichkeit hat Mose aber z. B. gar keine Gesetze verkündet, welche die Ermordung von Menschen und Tieren (als Schlachtopfer) vorschreiben (siehe dazu auch Der Theologe Nr. 26, Die Aufforderung zum Völkermord in der Bibel undDer Theologe Nr. 8 über Widersprüche in der Bibel). Das ist die Geschichtslüge der Priesterschrift bzw. ihrer Hintermänner, denn diese Vorschriften stammen weder von „Gott“ noch von Mose. Und Jesus hat klar auf diesen Sachverhalt hingewiesen. Deshalb sahen sich die Priester und religiösen Obrigkeiten zur Zeit von Jesus aus den Kreisen der Pharisäer und Sadduzäer von diesem auch entlarvt, und sie stellten sich folglich gegen ihn. Und auch die Bevölkerung und ihre zahlreichen weiteren Interessengruppen sind dem Mann aus Nazareth schließlich nicht gefolgt. Und leider auch die Essener nicht, obwohl auch sie wahrscheinlich von den Fälschungen wussten.

 Mystiker und Propheten

In diesem Zusammenhang noch einmal zurück zu den Essenern, der Gemeinschaft von Qumran und anderen verwandten Gemeinschaften der damaligen Zeit. Offenbar sind sie alle letztlich mehr oder weniger dem Einflussbereich der herrschenden Priester und ihren mannigfachen Geschichtsfälschungen aufgesessen, obwohl sie mit dem offiziellen Amtspriestertum im Widerstreit standen. So gab es nach Flavius Josephus auch bei den Essenern z. B. Priester, obwohl Jesus und die Gottespropheten des Alten Testaments dies niemals wollten. Und so betrachtete jede Gemeinschaft ihre Überzeugungen und das diesen zugrunde liegende Schrifttum eben auch als heilige Schriften„, auf die man sich berufen hatte. Und es wäre ein wenig Mut nötig gewesen, diese hier und da in Frage zu stellen, wenn Jesus von Nazareth aufgrund seines mit der göttlichen Welt vereinten Bewusstseins über die darin noch enthaltenen Irrtümer aufklärt.

Jesus von Nazareth hatte diesen Mut und auch den Verstand und das Bewusstsein dafür, den ganzen überlieferten Betrug in allen seinen Details zu durchschauen: „Ich aber sage euch“ – mit diesen kraftvollen Worten widersprach er immer wieder der gefälschten „heiligen“ Überlieferung und er klärte darüber auf, was genau Fälschung ist und was Wahrheit. Vieles davon ist in der Bibel nachzulesen, vor allem in der Bergpredigt im Matthäusevangelium (Kapitel 5-7)

Doch nur wenige vertrauten ihm. Über das „Volk Israel“ sagte Jesus: „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt!“ (Lukas 13, 34) In diesem Satz spiegelt sich die ganze Tragödie der damaligen Zeit. Der „Kükenhaufen“ der unterschiedlichen Meinungen und Gepflogenheiten scharte sich nicht hinter dem, der die ehrlich Suchenden einen sollte. Und der Schlange wurde nicht, symbolisch gesprochen, der „Kopf zertreten“, wie es in 1. Mose 3, 15 vorher gesagt wird. Stattdessen konnten sich die Priestermänner, die Feinde aller Propheten und auch des kommenden Friedensreiches, deshalb in der Gesellschaft behaupten. Sie konnten die Bevölkerung sogar so weit indoktrinieren oder lähmen, dass es möglich wurde, Jesus von Nazareth mithilfe der römischen Staatsmacht zu ermorden.

Und in all der Zeit seit diesen schicksalhaften Ereignissen, in den letzten ca. 2000 Jahren, stellten sich – wie schon zu seinen Lebzeiten – wiederum die Priester gegen Jesus, den Christus – einst die jüdischen, später die kirchlichen. Und letztlich waren und sind auch viele ursprüngliche Sympathisanten gegen ihn, da sie nicht wagten und wagen, den Priestern ins Angesicht zu widerstehen und, symbolisch gesprochen, der „Schlange den Kopf zu zertreten“. So war es möglich, dass seit ca. 1700 Jahren die Kirche die Botschaft des Jesus von Nazareth verbiegen, verfälschen und vereinnahmen konnte und Jesus damit für die meisten Menschen kalt stellen konnte. Und viele, die dies durchschauen, lassen es auch heute zu oder bleiben gar Kirchenmitglieder – aus Trägheit oder wegen unaufgearbeiteter Ängste. Und der kirchliche Weihrauch vernebelt leider auch das Bewusstsein vieler anständiger Menschen, die sich bereits bei den Worten „Gott“ oder „Christus“ abwenden, weil sie nicht eingeräuchert werden wollen. Ihnen ist nicht bewusst, dass Christus und Kirche im Kern Gegensätze sind und dass jeder Schritt von der Kirche weg oder aus der Kirche heraus ein Schritt auf Christus zu ist 


Hier kann auch die Einsicht helfen, dass die Kirche vielfach sogar ihrer eigenen Bibel widerspricht (wie es z. B. beispielhaft am Widerspruch zwischen Martin Luther Jesus von Nazareth dargelegt ist). Und manche Überlieferung ist bereits im Neuen Testament selbst, das ja im Auftrag von Papst Damasus I. im 4. Jahrhundert „vereinheitlicht“ wurde, verfälscht dargelegt (siehe dazu Der Theologe Nr. 14, Hieronymus und die Entstehung der Bibel)

So wäre es auch kein Wunder, wenn in den dunklen Kellergewölben in Rom tatsächlich weitere Informationen über Jesus und das Urchristentum unter Verschluss gehalten werden. Denn so sprach – wie oben bereits erwähnt – Kirchenvater Hieronymus, der Letzt-Verfasser der katholisch verbindlichen Bibel, der lateinischen Vulgata, z. B. von einem „geheimen“ Urtext des Matthäusevangeliums, das sich von dem biblischen unterscheide (vgl. hier). Allein dieser Umstand müsste eigentlich genügen, um auch der kirchlichen Bibel zu misstrauen. Eine bleibende Frage für alle Gottsucher lautet deshalb: Wo findet man heute die unverfälschte Wahrheit über Jesus? 

Eine mögliche Antwort dazu: Neben all den Fragmenten gab es zu allen Zeiten auch einen lebendigen Gottesgeist, der durch Mystiker und Propheten sprach (siehe dazu auch Elia, Amos, Jeremia – Propheten als unbequeme Mahner für ihr Volk – Gegensatz von Priester und Prophet). Diese Propheten kamen meist auf den Scheiterhaufen der Kirche ums Leben. Doch waren dies keineswegs die „falschen“ Propheten, vor denen einst Jesus gewarnt hatte. Denn die Kriterien zur Unterscheidung von „richtig“ und „falsch“ sind nach dem Alten Testament und Jesus folgende:

 „Wenn ein Prophet im Namen des Herrn spricht und sein Wort sich nicht erfüllt und nicht eintrifft, dann ist es ein Wort, das nicht der Herr gesprochen hat. Der Prophet hat sich nur angemaßt, es zu sprechen. Du sollst dich dadurch nicht aus der Fassung bringen lassen“ (5. Mose 18, 22)
 „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ (Matthäus 7, 20-21)
Und die meisten der Ermordeten hatten nun richtig prophezeit und ihr Leben wies nachweislich „gute Früchte“ auf, während die Geschichte der Kirche von einer grässlichen Blutspur durchzogen ist, deren Verursacher bis heute vielfach als „Heilige“ und „Selige“ verehrt werden. Daraus lässt sich für alle gutwilligen Gottsucher offensichtlich ableiten, wer die „falschen Propheten“ sind, welche die Menschen in die Irre geführt haben und sie bis heute in die Irre führen.

Zeitschrift „Der Theologe“, Hrsg. Dieter Potzel, Ausgabe Nr. 15: Die Essener und die Schriften von Qumran, Würzburg 1992, zit. nachhttp://www.theologe.de/theologe15.htm, Fassung vom 27.4.2011

Anmerkungen:

1) Inwieweit die Gemeinschaft von Qumran mit den „Essenern“ identisch ist oder sich von ihnen unterscheidet bzw., ob es sich in Qumran in der Nähe des Toten Meeres um eine bestimmte Gruppe der Essener handelt oder eine eigene Gemeinschaft, gilt in der Wissenschaft als umstritten. Ob die Gemeinsamkeiten der Schriften von Qumran mit antiken Beschreibungen der „Essener“ ausreichend sind, um von „Qumran-Essenern“ sprechen zu können, wird seit ca. Ende der 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts von einer zunehmenden Anzahl von Wissenschaftlern nicht mehr befürwortet. Und auch wir halten es für wahrscheinlicher, dass Qumraner und Essener zwei verschiedene Gemeinschaften waren. So kommt etwa der Begriff „Essener“ in der Qumran-Schriften wörtlich gar nicht vor, allerdings auch nicht die Ortsbezeichnung Qumran. Deshalb ist es gut denkbar, dass die als Essener beschriebene Gruppe mit den Schriftrollen von Qumran nur wenig oder sogar nichts zu tun hat. Es ist noch nicht einmal sicher, inwiefern die dort gefundenen Schriftrollen überhaupt das Leben jener beschreiben, die dort auch lebten. Zu dieser Unklarheit trägt bei, dass die Inhalte als uneinheitlich angesehen werden. Tatsache ist lediglich: Es gab damals in Palästina eben nicht nur die aus der Bibel bekannte Jesus-Bewegung und demgegenüber die gegnerischen Pharisäer und Sadduzäer. Sondern es gab viele Gruppen und Anschauungen mehr. Wir gehen einmal davon aus, dass die Gemeinschaft von Qumran bzw. die „Qumraner“ in den gefundenen Schriftrollen teilweise ihr eigenes Gedankengut und ihre Lehren niedergelegt hat. Tatsache ist jedoch, dass in Qumran nicht die Nachfolger des Jesus von Nazareth lebten und dass auch die Essener nicht identisch mit den Nachfolgern Jesu sind. 

2) Meistens gelten die Begriffe Essener und Essäer als zwei unterschiedliche Bezeichnungen für dieselbe Gruppe, und sie werden dann wie Synonyme verwendet. Dies geht zurück auf die antiken Schriftsteller Josephus, der von „Essenoi“ (= Essener) sprach bzw. von Philo, bei dem von „Essaio“ (= Essäer) die Rede ist. In dieser Studie wird – wie mehrheitlich – von den Essenern gesprochen (Die Betonung liegt dabei auf dem zweiten „E“ im Unterschied zu den Bewohnern der Stadt Essen, bei denen das erste „E“ betont wird).
Denkbar ist jedoch auch, dass die 
Essäer eine eigenständige Gruppierung wären, die möglicherweise identisch mit den Nazoräern sind.

Das Wort
 „Nazoräer“ war ursprünglich ein Wortspiel des Evangelisten Matthäus, das auf die Nazarener abzielte, die Bewohner der Stadt Nazareth (2, 19-23). In Anlehnung an den aus dieser Stadt stammenden – und deshalb im Volksmund auch „Nazarener“ genannten – Jesus nannte man auch seine Anhänger manchmal „Nazarener“, bevor sich mit der Zeit das Wort „Christen“ durchsetzte. Das Wort „Nazoräer“ dient später offenbar jedoch auch einer urchristlich orientierten Kleingruppe als Selbstbezeichnung. In der kirchlich-theologischen Wissenschaft identifiziert man sie mit den syrischen „Judenchristen“ (also den Juden, die in Syrien Christen geworden waren) und man weiß auch von einemNazöräerevangelium.

3) Verwechslungsgefahr besteht hier auch mit den „Nasiräern“. Ein Nasiräer war ein gläubiger Jude, der sich gemäß dem 4. Mosebuch, Kapitel 6 besondere Verpflichtungen auferlegte, um sich durch eine gewisse Enthaltsamkeit und durch das Erfüllen bestimmter kultischer Vorschriften Gott „weihen“ zu wollen. Dazu gehörte vor allem, keinen Alkohol zu trinken, sich keinem Grab oder einer Leiche zu nähern und sich Haare und Bart nicht zu schneiden. Das Nasiräer-Gelübde wurde meist auf Zeit abgelegt, und an dessen Ende musste ein Tier zur Opferung geschlachtet werden. Doch auch ein lebenslanges Versprechen war möglich. Mit Jesus von Nazareth und dem Urchristentum hat dieses kultische Gelübde allerdings nichts zu tun: Jesus trank gelegentlich Wein, hatte keine Berührungsängste bei Verstorbenen und ein seriöses und gepflegtes äußeres Erscheinungsbild – andernfalls wäre ihm das sicher von seinen Gegnern vorgehalten worden. Des weiteren lehnte er Tieropfer ab und kultische Vorschriften waren ihm – gelinde gesagt – völlig unwichtig. Jedoch sollen einige Nachfolger von Jesus in ihrer Vergangenheit einmal das Nasiräer-Gelübde abgelegt haben, was gut vorstellbar ist, da vor allem ernsthaften Gottsuchern das Ablegen dieses Gelübdes nahe gebracht worden war. Vielleicht war Johannes der Täufer zumindest zeitweise Nasiräer (vgl. Lukas 1,15; doch Achtung! Wenn jemand aus welchen Gründen auch immer auf das Trinken von Alkohol verzichtete, war er damit noch lange kein „Nasiräer“und später vielleicht auch der Kirchenlehrer Paulus(Apostelgeschichte 18, 18).

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