Ich lebe und ich sterbe

Ich lebe und ich sterbe, ich verbrenne und ertrinke.
Ganz maßlos heiß ist mir, obwohl ich Kälte leide;
zu weich und doch zu hart ist mir das Leben.
Ich trage großes Leid und fühle Freude mittendrin:

im gleichen Atem lache ich und weine,
und im Vergnügen dulde ich manch schwere Qual.
Mein Glück ist hin und dauert ewig:
zur gleichen Stunde grüne ich und welke.

So führt mich Amor ganz nach seiner Laune,
und wenn ich eben ärgsten Schmerz zu haben meine,
schon bin ich ohne Zutun frei von aller Pein.

Und glaub ich dann, mein Glück sei ganz gewiß,
ich sei nun  auf dem Gipfel meiner Seligkeit –
stürzt er mich wieder in die alte Not.

Louise Labe
(1526 – 1566)

 

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