Kulturkampf – vom Mutterrecht zum Patriarchat

Eine Darstellung der Frühzeit des Menschen bliebe unvollständig, wenn wir nicht eine der wichtigsten gesellschaftlichen Veränderungen zu erhellen versuchten, die noch bis in die Gegenwart hineinreicht: die Dominanz des Mannes gegenüber der Frau. Entgegen mancher landläufi gen Meinung, „das sei immer so gewesen”, hat sich diese Dominanz bereits in der Frühzeit historisch entwickelt.

 

Es war eben nicht immer so. In den „vorsintflutlichen” Sammler-und Jägergruppen der „jüngeren Altsteinzeit” war die Frau das wichtigste Mitglied der Gruppe. Ihre Fähigkeit, den für die langfristige Existenz der Gruppe lebenswichtigen Nachwuchs zu gebären und aufzuziehen, wurde bereits in einem sehr frühen Stadium der Menschheitsgeschichte „geheiligt”. Welche besondere Bedeutung die Fruchtbarkeit im Kult hatte, erkennen wir an den vielen Frauenstatuetten, die in praktisch allen Erdräumen mehrere Jahrtausende lang geschaff en wurden. Sie symbolisieren die große „Muttergöttin”. Das Geheimnis der Fruchtbarkeit verband die Frau aufs engste mit der Natur, dem Mysterium des Lebens schlechthin. Sie wurde mit den Kräften der „großen Erdmutter” in Zusammenhang gesehen. Neben ihrer Rolle als Mutter trugen die Frauen auch bei der Nahrungsbeschaff ung, die überwiegend aus Sammeln bestand, viel zur Existenzsicherung bei. Der Anteil war in den Phasen A und B, der so genannten „älteren Steinzeit” sogar weit größer als die eigentliche Jagdbeute. Denn Jagen war im Anfang mehr als schwierig. Wie bereits erwähnt, änderte sich das in der Phase C, weil die Jagdwaff en entwickelt und verbessert wurden und organisierte Jagden stattfanden. In dieser Phase entwickelte sich ganz sicher ein arbeitsteiliges System zwischen jagenden Männern und sammelnden Frauen und Kindern, aber zu einer patriarchalischen Dominanz kam es noch nicht. Die Frauen waren viele Jahrtausende gleichberechtigte Partner in den Gruppen. Die verbesserte Jagdtechnik führte allerdings schon damals zu einer getrennten Ausbildung von Jungen und Mädchen. Diese Erkenntnis fordert zwangsläufi g die Frage heraus, wie alt denn das Patriarchat ist und wie es entstand. Nach allem, was wir heute wissen, begann die Entwicklung zum Patriarchat erst nach der Sintflutkatastrophe in Phase C. Sie wurde durch die „Wirtschaftsformen” Ackerbau und Viehzucht in Gang gesetzt. An ihrem Anfang stand die Erkenntnis der bewußten Zeugung.

 Das Alte Testament sagt: „… und Adam erkannte sein Weib”. Es lag in der Natur des Ackerbaus, dass dabei die Frau nicht nur ihre starke Stellung behielt, sondern sie sogar noch festigen konnte. Landarbeit war ein „Familienkollektiv”. Ganz anders stellte sich die Situation in der Viehzucht dar. Dort verlagerte sich der Arbeitsschwerpunkt bei den Herden eindeutig auf den Mann. Während die Männer mit den Viehherden zogen und sie zusammenhielten und versorgten, kümmerten sich die Frauen um das Lager und die Kinder. Eine direkte Beteiligung an der Nahrungsbeschaff ung fand kaum noch statt, weil man sich ja vom Herdenvieh weitgehend ernährte. Bei den viehzüchtenden Nomaden wurde also das ollenverständnis von Männerarbeit und Frauenarbeit erstmalig entwickelt. Bei den Seefahrern war es im Prinzip ebenso. So dürfen wir also sagen: Das Patriarchat ging von den Hirtenvölkern aus, nicht von den Ackerbauern. Die Hirtenvölker waren es auch, die als erste den Begriff „Besitz” entwickelten. Das ergab sich aus der Viehwirtschaft. Wenn eine Herde zu groß wurde, um geschlossen getrieben und kontrolliert zu werden, teilte sie der Vater und gab seinen Söhnen die geteilten Herden. So besaß bald jeder „seine” Herde, ein erster Eigentumsbegriff !

 Aus dem Alten Testament wissen wir beispielweise, dass Jakob erst viele Jahre seinem Schwiegervater als Viehhirt „dienen” musste, ehe dieser ihm eine seiner Töchter gab. Hier drückt sich bereits deutlich patriarchalisches Denken aus. Nicht nur die Herde wurde Besitz, sondern auch die Frau! In den Ackerbaugesellschaften ging es dagegen stets nur um Bewässerung des Landes, um Aussaat und Ernte. Dieses bodenständige, kollektive Arbeitsprinzip höhlte die gesellschaftliche Stellung der Frau nicht aus, wie in den Hirtenvölkern oder bei den Seefahrern. Die verschiedenen „Wirtschaftsformen” änderten auch die sozialen Verhältnisse im Familienverband. Und da sich zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern keinesfalls immer nur friedliches Zusammenleben ergab, sondern auch Kampf um Land und Wasser, so ist es zulässig, in den viehzüchtenden Nomaden die aggressivere Bevölkerung zu sehen. Hier entwickelten sich Besitzdenken, Macht, und damit auch Patriarchat zuerst. Für die Seefahrer war es anders, weil bei ihnen ja die Frau mit dem Heimatbegriff eins war. Die an ihren Ackerboden gebundenen Ackerbaustämme schufen die ersten festen Ansiedlungen, legten Bewässerungssysteme an, bauten Wege usw., d. h., sie organisierten sich in Richtung auf Zivilisation. Diese sich entwickelnden Gemeinwesen zogen die Hirtenvölker an wie ein Magnet. Ganz deutlich ist zu erkennen, dass sich sehr oft Hirtenstämme gewaltsam aggressiv solcher Ansiedlungen bemächtigt haben. Sie brachten sie also in ihren Besitz. So betrachteten sie dann allerdings auch die unterworfenen Menschen der bäuerlichen Gemeinschaften. Da diese Ackerbauern nach wie vor „mutterrechtlich” organisiert waren, was dem „patriarchalischen” Denken der Viehzüchter entgegenstand, wurde nicht nur Besitz angeeignet, sondern auch die andere familiäre Sozialform aufgezwungen. In einem langen Prozess, der regional sehr unterschiedlich verlief, verlor nach und nach das „Mutterrecht” an Gewicht und wurde von „Vaterrecht” abgelöst. Dabei spielte das Erbe eine entscheidende Rolle. Dieser Prozess begann im Neolithikum. Er zog sich bis weit in die historische Zeit hinein und ging soweit, dass selbst aus zuvor weiblich gedachten Göttern männliche wurden. Er fiel in den Ländern mit starken Hirtenkulturen auch weitaus nachdrücklicher aus als in langfristig stabilen Ackerbaukulturen. Aber generell wurde praktisch überall auf der Erde die männliche Dominanz zum festen System.

Erst in unserem Jahrhundert beginnt dieses System brüchig zu werden, aber das noch keinesfalls überall. Es wäre irreführend, wollte man das Patriarchat als ausschließlich „familiäre Rechtsproblematik“ ansehen. Es war und ist weit mehr. Es hat als Erstes die Frau zum Besitz des Mannes gemacht. Danach wurden es auch Gefangene und später Schuldsklaven. Noch bis weit in die Neuzeit hinein gab es verkaufbare Sklaven und Leibeigene, samt deren Frauen und Kinder. Das Patriarchat wurde also im Lauf der Menschheitsgeschichte ein besitzbezogenes Machtprinzip, dem auch in der Rechtsgestaltung Ausdruck verliehen wurde. Wir haben es also mit einem sehr komplexen Phänomen zu tun. Sein enormes Alter und die kulturübergreifende Stabilität des Patriarchats lassen erkennen, dass sich bereits in sehr früher Zeit gefestigte Rollen der Geschlechter herausgebildet haben, die nach und nach zur Entrechtung der Frau führten. Es muss allerdings betont werden, dass damit die Macht der Frauen keinesfalls gebrochen worden ist. Frauen haben in allen Jahrtausenden ihren Einfluss auf Männer ausgeübt, sowohl als Mutter als auch als Frau. Diese kurze Geschichte der Entwicklung des Patriarchats sollte dessen Wurzeln deutlich werden lassen. Das zeigt, wie weit bestimmte soziale Prägungen in der Menschheitsgeschichte schon zurückliegen. Sie sind z. T. Noch weit älter als die Religionen. Das Verhältnis der Geschlechter zueinander gehört eindeutig dazu. Dabei bleibt es sehr bezeichnend, dass auch im Patriarchat nicht nur männliche, sondern auch weibliche Götter lange Zeit ihren festen Platz in den Vorstellungen der Menschen behielten. Erst die großen Hochreligionen des Monotheismus haben auch das Patriarchat „in den Himmel” verlagert. Doch dass der Volksmund auch heute noch immer von „Mutter Erde” spricht, ist der Beweis dafür, dass der uralte Gedanke an die große Muttergöttin nicht ganz verloren gegangen ist.   Armin Naudiet

Quelle:  http://www.efodon.de/

 

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