Raus aus dem Pelz


Es war so heiß, dass selbst die Bäume schwitzten. Lukas, der kleine Bär, belauschte zwei Eichen in seinem Gehege. »Wenn ich nur meine Rinde ausziehen könnte!«, sagte die eine. »Und nackt herumstehen?«, rief die andere entsetzt. »Sieh dir doch die Menschen an«, antwortete die erste Eiche. »Die haben auch fast nichts mehr auf der Haut.« Lukas sah über den Zaun auf die Zoobesucher. Die Menschen trugen kurze Hosen und ein bisschen Stoff obenherum, das war’s. Sie hatten kein Fell, so wie er. Der kleine Bär beschloss, es so zu machen wie die Menschen.

Es war nicht leicht, aus dem Fell herauszukommen. Aber irgendwie schaffte er es doch, den Pelz abzustreifen. Ahhhhh, gleich war ihm nicht mehr so heiß.

Lukas legte sich in die Sonne und genoss seine neue Freiheit. »Ein nackter Bär«, rief ein kleines Mädchen. »Der sieht aber komisch aus«, behauptete ein Mann. »Vielleicht ist er krank.« Der kleine Bär hörte sie nicht. Er war in der Sonne eingeschlafen. Als er aufwachte, spürte er ein Brennen. Entsetzt sah er, dass seine Haut ganz rot geworden war! Es war wohl doch keine so gute Idee gewesen, den Pelz auszuziehen. Aber was konnte er gegen die Hitze tun? Er beschloss, die anderen Tiere zu fragen, wie sie das machten.

Er schaffte es, eine der beiden Eichen hochzuklettern, und sprang über den Zaun. Schwups – schon landete er auf dem Spazierweg. Komisch nur, dass die Menschen laut schreiend wegliefen. Ein großer Mann ließ seine Jacke vor Schreck fallen. Lukas hob sie auf und zog sie an. Gleich brannte die Sonne nicht mehr so auf seiner Haut, aber leider war ihm jetzt auch wieder heiß.

In den meisten Gehegen traf er niemanden an. Die Tiere lagen in ihren Wohnungen und rührten sich nicht. ›Das hilft vielleicht gegen Hitze‹, dachte Lukas. ›Aber ich will mich nicht verstecken. Ich will draußen sein!‹ Wen konnte er fragen? Die Elefanten! ›Sie sind groß und schwer. Ihnen ist bestimmt auch sehr warm in ihrer dicken Haut‹, dachte Lukas. »Wir wedeln mit den Ohren«, sagte der Oberelefant. »Davon wird uns kühler.« Dann machte er es vor. Lukas war beeindruckt. Ein leichter Luftzug wehte an ihm vorbei. Er probierte es gleich aus. Doch seine Ohren waren viel kleiner als die der Elefanten. Er konnte zwar ein bisschen wackeln, aber ihm wurde nicht kühl davon. Er spürte nicht einmal den Lufthauch.

Seufzend ging Lukas weiter. Fast hätte er das Wildschwein übersehen. Erst als Hertha »tolle Klamotten!« rief, entdeckte Lukas sie im Sumpf. »Ist es da schön kühl?«, fragte der Bär und Hertha nickte: »Supercool hier.« »Aber wenn der Dreck auf deiner Haut trocknet«, wollte Lukas wissen, »ist das nicht eklig?« »Praktisch ist das«, erklärte Hertha. »Da kommt keine Mücke mit ihrem Stachel durch. Wenn der Schlamm trocken ist, reibe ich mich am Baum und die Insekten sind gleich mit weg.«

Das klang gut, fand Lukas. Zumal er merkte, dass auch ihn die Mücken plagten. Er setzte sich auf eine Bank und überlegte. Wer hatte einen Pelz und damit dasselbe Problem wie er? Klar! Der Wolf. »Ich hechle«, erklärte der Wolf, der einfach Wolf hieß. Dann ließ er seine lange Zunge aus dem Maul heraushängen und machte ziemlich laute Geräusche. ›Das sieht dämlich aus‹, dachte Lukas. ›Auch wenn es hilft, ich mag nicht mit hängender Zunge herumlaufen.<

»Da bist du ja!«, hörte er auf einmal eine vertraute Stimme. »Ich habe dich überall gesucht.« Lukas’ Tierpfleger klopfte ihm freundlich auf die Schulter. »Du kannst hier nicht spazieren gehen wie ein Zoobesucher. Du wohnst doch hier!« Der kleine Bär folgte seinem Pfleger zurück ins Gehege. Der hob Lukas’ Pelz auf. »Was ist mit deinem Fell?« »Er möchte sein wie die Menschen«, mischte sich eine der Eichen ein. »Quatsch, ihm ist nur heiß, so wie uns«, behauptete die andere.

Der Wärter sah Lukas nachdenklich an. »Hat dir niemand gezeigt, was ein Bär macht, wenn ihm heiß ist?« Lukas schüttelte den Kopf. Er war so früh von seiner Mama weggekommen, dass sie ihm nicht mehr alles erklären konnte, was für ein Bärenleben wichtig ist. »Komm mit!«

Der Wärter ging mit ihm zu dem kleinen See im Gehege, schubste den Bären und ›Platsch!‹ machte es. »Hilfe!«, rief Lukas, denn er war noch nie ins Wasser gegangen. Der Wärter lachte. »Du kannst von Natur aus schwimmen – also fang an!« Lukas probierte es aus und wirklich: Es machte ihm tierisch Spaß. Wie kühl und angenehm das Wasser war! ›Sollen andere mit den Ohren wackeln oder mit der Zunge hecheln, ich gehe lieber schwimmen‹, dachte der kleine Bär.

Autorin Lotte Kinskofer, geboren in der Nähe von Regensburg, studierte Germanistik in München. Sie wollte einen Beruf, der mit Lesen und Schreiben zu tun hat. So wurde sie Journalistin, hatte aber bald Lust, eigene Geschichten zu erzählen. Es entstanden die Texte zu Bilderbüchern und Bücher für Jugendliche und Erwachsene. www.lotte-kinskofer.de

Illustrator Christoph Kirsch, geboren 1971, wuchs in den Niederlanden auf. Er studierte Kunst und Fotografie in Holland und Belgien. Kirsch lebt als Illustrator und Fotograf in Barcelona. www.christophkirsch.eu

Quelle :http://blog.zeit.de/kinderzeit/2011/07/06/gecko-vor-lesegeschichte-raus-aus-dem-pelz_9805#more-9805

 

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