Impressionen aus Kairo und El-Fayoum

VON BEATE SEEL

Hohe, unverputzte Backsteinbautensäumen die engen Straßen. Hier und da sind die Wände einer Loggia weiß, türkis oder in einem hellen, kühlen blaugrün getüncht und teils mit Tüchern als Schutz gegen die Sonne verhängt. Hinter den Wohnhäusern ragen die ockerfarbenen, steilen Hänge der Muqattam-Berge auf. Vor den Gebäuden hocken Familien, vor allem Frauen und Kinder, zwischen offenen Mülltüten und sortieren ohne Atemschutzmaske und Handschuhe den Abfall der ägyptischen Hauptstadt Kairo.

Am Rande Kairos: Müll-Recycling per Hand

An den Wänden lehnen hohe Lagen von Altpapier oder Pappe, anderswo stapeln sich Blechkanister, Stoßstangen oder die Innenverkleidung von Kühlschränken. Männer packen Plastikflaschen in große Säcke, die sie für den Abtransport zu den Recyclingfirmen fest verschnüren und auf bunt bemalte Pickups hieven, deren Ladung doppelt so hoch ist wie die Karosserie. Es ist ein ständiges Hin- und Her, Autos hupen, um sich einen Weg zu bahnen oder um einen Eselskarren zur Seite zu drängen. Dazwischen gehen sauber gekleidete Frauen, die ihre Kinder von der Schule abholen. Am Straßenrand liegt eine tote Ratte, auf der Fliegen sitzen; daneben guckt der gerupfte Hals eines Huhns aus einer dreckigen schwarzen Plastiktüte. Nein, man möchte hier nicht immer so genau hinsehen, am liebsten Mund und Nase verschließen und auch nichts anfassen.

Wir, eine Gruppe im Rahmen der taz-Reisen in die Zivilgesellschaft, sind mit unserem kundigen Begleiter Magdi Gohary in Manshieyet Nasser unterwegs, einem Viertel am Rande Kairos, wo der nachts eingesammelte Müll recycelt wird. Wie viele Menschen hier leben, weiß niemand, es sollen etwa 50.000 sein. Rund Zweidrittel von ihnen gehören der Minderheit der koptischen Christen an. Krankheiten sind hier endemisch, Hepatitis, Anämie, Diabetes verbreitet, die durchschnittliche Lebenserwartung wird auf fünfzig Jahre geschätzt.

Müllrecycling in Manshieyet Nasser, dem Viertel der Müllsammler in Kairo / Foto: Wolfgang Zügel
 

 

Und plötzlich, in einer kleinen Seitenstraße, öffnet sich eine ruhige grüne Oase mit schattenspendenden Bäumen im Innenhof. In dem L-förmigen zweistöckigen Gebäude ist ein Recyclingprojekt für Mädchen ab 13 und junge Frauen untergebracht, die aus Altpapier handgeschöpfte Bögen und Karten herstellen und damit Geld verdienen. Der Rohstoff ist umsonst, Chemikalien werden nicht verwendet. Und „nebenbei“ erhalten die Mädchen eine Ausbildung. Das Projekt der „Vereinigung für den Schutz der Umwelt“ (A.P.E. www.ape-egypt.com), das von ausländischen Beratern und Geldgebern unterstützt wird, hat 1994 mit sechs Mädchen begonnen, heute sind es vierzig.

„Wenn wir den Eltern gesagt hätten, die Mädchen sollen hier Lesen und Schreiben lernen, hätten sie sich geweigert, ihre Töchter zu schicken“, sagt Hoda Faik, die Leiterin der Papierrecyclingeinheit. Die junge Frau in Jeans, kurzärmeligem bunten T-Shirt und Pferdeschwanz fügt hinzu: „Jetzt kommen sie her, um eine Ausbildung zu erhalten, zu arbeiten, Geld zu verdienen und nebenbei werden sie alphabetisiert“. Manchmal gibt es auch Englischunterricht oder Computerkurse. Für die jungen Frauen bietet sich eine Chance auf ein besseres Leben, mehr Selbstbewusstsein und eine höhere Wertschätzung in ihren Familien.

Papier-Recycling beim Umweltverein APE in Manshieyet Nasser (Kairo) / Foto: Sönke Meyer-Lohmann
 

In einer luftigen, halboffenen Halle sind mehrere Mädchen damit beschäftigt, das bereits von Heftklammern befreite, zerkleinerte und aufgelöste Papier mit Schöpfrahmen aus der Masse zu heben und anschließend zu pressen. Gefärbt wird mit pflanzlichen Mitteln wie Reisschalen oder Hibiskusblüten, was dem fertigen Papier seine typische Struktur und zarte Muster verleiht. In einem kleinen Laden werden die Papierbögen, Geschenktüten und Karten ausgestellt und verkauft.

Hoffnungsträger Fair Trade

Vertrieben werden die Produkte von Fair Trade Egypt (FTE,www.fairtradeegypt.org), deren Geschäftsräume auf der Nil-Insel Zamalek in Kairo liegen. 37 Produktionseinheiten mit 2.700 MitarbeiterInnen, 60 bis 70 Prozent davon Frauen, arbeiten heute mit FTE zusammen, berichtet die Geschäftsführerin Mona El Sayed,. „Unser wichtigster Aktivposten ist die Zusammenarbeit mit den Produzenten“, fügt sie hinzu. Es gebe eine ständige Kommunikation, Besuche, Telefonate, auch auf die Qualität werde geachtet, denn schließlich werden die Waren auch in die USA, Niederlande oder nach Deutschland geliefert.

El Sayed hat ihren Kooperationspartner Feluka in der Bundesrepublik (www.feluka.de) bereits zwei Mal besucht und sich Messen in Berlin und Hamburg angeschaut, „um zu sehen, womit wir konkurrieren“. Ihre Wünsche für die Zukunft: Mit 100 statt mit 37 Produktionseinheiten zusammenzuarbeiten und Umsatz von 1,5 Mio ägyptische Pfund (196.146 Euro) 2009 innerhalb der nächsten drei Jahre auf 10 Mio Pfund (1.307.693 Euro) zu erhöhen, was einer Steigerungsrate von über 600 Prozent entspricht. Im Laden von FTE, der im gleichen Gebäude wie das Büro untergebracht ist, gibt es neben dem handgeschöpften Papier aus der Müllstadt auch Holzarbeiten, Körbe, Schmuck, Textilien und Keramik.

Das Team von FairTradeEgypt / Foto Bernhard Brugger
 

 

Letztere stammt aus der Oase El Fayoum, die etwa 100 Kilometer südwestlich von Kairo liegt und für ihre traditionelle Töpferei bekannt ist. In dem Dorf Tunis besuchen wir die Werkstatt von Rawya Abd el Kader. Den Ausstellungs- und Verkaufsraum der 34jährigen mit dem eng anliegenden braunen Kopftuch und dem langen bestickten, orangefarbenen Kleid, betritt man über eine schmale, grün berankte Veranda. In den Regalen stehen Teller, Schüsseln und Schalen, Becher und Krüge mit Motiven aus der Flora und Fauna der Umgebung in kräftigen Erdfarben oder Türkis. Feine Zeichnungen eines Zweiges, auf dem Vögel sitzen, oder eines Fisches, der eine Katze anschaut, verzieren die Gebrauchswaren, die alle Unikate sind.

El Kader hat ihr Handwerk als Kind bei der Schweizerin Evelyn Porret gelernt, die 1976 eine Töpferschule in Tunis gründete und Begabte förderte. Als die beiden sich später trennten, verbrachte El Kader eine schlaflose Nacht. Ihr Mann hatte das Angebot, in Kairo auf einer Baustelle zu arbeiten und schlug ihr vor, mitzukommen und sich eine Stelle als Hausangestellte zu suchen. „Sollte das alles umsonst gewesen sein, meine Ausbildung, meine Karriere?“ fragte sie sich und lehnte am nächsten Morgen den Vorschlag ab. Heute ist sie Chefin eines Familienunternehmens, das von Fair Trade unterstützt wird. Auch ihr Mann arbeitet hier, die ältere Tochter Sarah entwirft schon eigene Motive für das Bemalen der Rohlinge. Das Wohnhaus der Familie neben der Werkstatt ist inzwischen fertig renoviert. Rawya Abd el Kader ist eine Frau, die Widrigkeiten und Widerstände überwunden hat.

Eine Oase für Satire: das Karikaturen-Museum in  El-Fayoum

Tunis ist derzeit in Mode und hat sich den Ruf eines Künstlerdorfs erworben. So steht hier das einzige Karikaturenmuseum in der arabischen Welt, eine Privatinitiative des Gründers Mohamed Abla und eine ägyptische Antwort auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen im Jahr 2005 (siehe taz-Artikel von Karim El-Gawhary vom 29.4.09). Interessierte aus aller Welt können im Fayoum-Kunstzentrum, einer gepflegten Anlage von Lehmhäusern, auch an Kursen von Malerei bis zur Performence teilnehmen (www.ablamuseum.com).

Mohamed Abla in seinem Karikaturen-Museum / Foto Karim el-Gawhary
 

 

Genau genommen ist El Fayoum eine Halboase, die durch einen Kanal mit dem Nil verbunden ist. Vom Dach unseres kleinen traditionellen Hotels aus entfaltet sich ein Panorama in Pastelltönen: das helle Ocker der meist zweistöckigen Gebäude, das staubige Oliv der Palmen, das frische Grün der Felder zum Karun-See hin, dessen zartes Blau mit dem des Himmels korrespondiert. Auf den Weiden stehen Esel, Ziegen, Schafe, Kühe und Wasserbüffel, Ibisse und Wiedehopfe picken im Rasen der Gärten, die von blühenden Büschen umgeben sind. Am Abend sitzen wir im Garten des Hotels, entspannen uns bei Gesprächen und lassen den Tag ausklingen.

Große Pläne für El Fayoum hat Mohammed El Madany, der im Provinzrat für die Koordination von Projekten zuständig und Geschäftsführer einer Umwelt-NGO (www.faoda.org) ist. Der engagierte Agronom möchte den Ökotourismus entwickeln und träumt von „Urlaub auf dem Bauernhof“. 250 Betriebe hätten bereits ihr Interesse an ökologischer Landwirtschaft angemeldet, demnächst werde mit der Ausbildung zum Biobauern begonnen.

Als Beispiel führt er uns zum El Masri Park, der von zwei Brüdern betrieben wird. Die Anlage ist seit 2004 als Biohof registriert. Mit Hilfe von zehn Mitarbeitern werden hier Mangos, Orangen, Mandarinen, Weintrauben, Gemüse und Kräuter für den lokalen Markt angebaut. Hinter den Wirtschaftsgebäuden grasen die Tiere. Und nun will Besitzer Omar El Masri Zimmer für Gäste einrichten, die auf dem Hof mitarbeiten können, wenn sie möchten. Agronom El Madany setzt bei Projekten wie diesem auf Privatbesitz, Familienbetriebe, Eigeninitiative und Fortbildung. „Die Regierung ist das eine, die Bevölkerung das andere“, merkt er an.

Oase El-Fayoum / Foto: Sönke Meyer-Lohmann
 

Anthroposophischer Musterbetrieb SEKEM

In einer ganz anderen Liga als der Al Masry Park spielt SEKEM, der ägyptische Marktführer im biodynamischen Anbau. Auch dieses Projekt geht auf eine Privatinitiative zurück. Ibrahim Abouleisch, 1937 in Ägypten geboren, lebte lange in Österreich, wo er Pharmazie und Medizin studierte und die Anthroposophie kennenlernte. Bei einem Besuch in seiner Heimat beschloss er, etwas für sein Land zu tun und rief 1977 das Projekt ins Leben. Heute ist es eine Holding von sechs Gesellschaften, die ihre Produkte in alle Welt exportiert. 2003 erhielt Abouleisch dafür den alternativen Nobelpreis.

Wer hier hübsche Kräuter- oder Teetütchen erwartet, muss umdenken. In einer riesigen, blitzsauberen Halle liegen große Säcke in hohen Regalen, die nach Produkt und Empfänger, unter anderem Demeter, sortiert sind (siehe die Sekem-Website auf deutsch:www.sekemshop.de). Angebaut werden in der Tat Kräuter für Tee, medizinische und kosmetische Zwecke, aber auch Baumwolle, Obst und Gemüse. Und für die Düngung sowie Milchprodukte und Eier werden Kühe, Schafe und Legehennen gehalten.

Der Mutterbetrieb von Sekem liegt in der Nähe der Stadt Bilbeis nordöstlich von Kairo. Aus der Hauptstadt kommend, vorbei an neuen, sterilen Schlafstädten mitten im staubigen Nichts, finden wir uns gleich am Empfangsbereich in einer Explosion von Grün und Blüten wieder. An dem einstöckigen, weiß verputzten Bau mit abgerundeten Mauern prangt das Wahrzeichen von Sekem, ein altägyptisches Symbol für lebensspendende Sonnenkraft. Die Straßen und Wege durch das weitläufige Gelände, die an einem Wald und Palmenhainen vorbeiführen, sind von Eukalyptusalleen gesäumt, und hinter Mäuerchen aus Stein oder Lehm liegen die Felder.

SEKEM Verwaltungsgebäude / Foto: Wolfgang Zügel
 

 

Unsere Führerin an diesem Tag ist Yvonne Floride. Die Erzieherin und ihr Mann, ein Maschinenschlosser, stammen aus Deutschland und sind klassische Aussteiger. Auf der Suche nach einem anderen, selbstbestimmten Arbeiten und Leben landete das Paar mit den beiden Kinder – heute sind es vier – eher zufällig vor 24 Jahren bei Sekem, damals ein Team von dreißig Leuten.

Heute werden in der Kantine täglich 2.500 Essen zubereitet. Floride hat die erste Schule auf dem Gelände mit aufgebaut. Inzwischen gibt es alle elf Jahrgänge und einen Kindergarten, auch für Behinderte, die nach den Prinzipien der Anthroposophie betrieben werden. Alle Einrichtungen, auch berufsbildende Zweige, die Tagesklinik und die Apotheke stehen der Bevölkerung der Dörfer der Umgebung mit etwa 30.000 Menschen zur Verfügung.

Die nächsten Projekte sind eine eigene Universität sowie Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind. Vermisst Floride manchmal die Zeit, als Sekem noch ein Projekt in den Anfängen und eine überschaubare Gruppe war, wo jede jeden kannte? „Nein, den alten Zeiten trauere ich nicht nach,“ entgegnet sie auf die Frage. „Wenn es nicht ständig vorwärts gehen würde, wären wir heute nicht mehr da.“ Floride und ihr Mann wollten ursprünglich drei Jahre bei Sekem bleiben. Sie sind immer noch da und denken nicht daran, wegzugehen.

Debatten innerhalb der demokratischen Opposition

Veränderungen auf ganz großer Ebene, nämlich Demokratie für Ägypten, strebt eine Gruppe von Intellektuellen an, mit der wir an einem Abend in den Räumen des unabhängigen Merit-Verlags verabredet sind. Von unserem Hotel in der Innenstadt von Kairo aus gehen wir zu Fuß, um das Stehen in den allgegenwärtigen Dauerstaus zu vermeiden.

Der späte Nachmittag bis in die Abendstunden hinein ist Haupteinkaufszeit. Stinkende Blechlawinen wälzen sich durch die Straßen; die Fahrer hupen wie verrückt, als würde das etwas ändern. Für Fußgänger ist es eine wahre Kunst, eine Straße zu überqueren. Die Fahrzeuge halten an roten Ampeln in der Regel nur, wenn ein Polizist mit einem Block zum Aufschreiben der Verkehrssünder danebensteht. Die Straßen säumen heruntergekommene ehemalige Prachthäuser, deren einst hellen Mauern unter einer grauen, Jahrzehnte oder Jahrhunderte alten Patina verschwinden.

Häuser des „Modernen Kairo“ aus der Kolonialzeit Anfang des 20. Jahrhunderts / Foto: Wolfgang Zügel
 

 

Auch die Räume des Merit-Verlags liegen in einem solchen Gebäude. Vom düsteren Treppenhaus aus geht es in eine Wohnung, die schon bessere Tage gesehen hat. Im Vorraum stehen die publizierten Bücher. 500 Werke sind seit Gründung vor zehn Jahren erschienen, einige wurden konfisziert, die höchste Einzelauflage liegt bei 1.000 Exemplaren.

„Wir veröffentlichen Ideen, die kein Geld bringen“, sagt Verleger Mohammed Hashim, der kettenrauchend an seinem mit Papieren und Büchern überladenen dunklen Holzschreibtisch im nächsten Zimmer sitzt. In einer Vase stehen drei verwelkte weiße Chrysanthemen. Der Putz bröckelt von den hohen, vergilbten Wänden, zwei zerschlissene Sofas mit geschwungenen Rücklehen, die vom Sperrmüll zu stammen scheinen, stehen auf einem fadenscheinigen blauen Teppich, in eine Ecke ist ein kleiner Computerarbeitsplatz und ein vollgestopftes Bücherregal gequetscht.

Schriftsteller, Filmemacher und Künstler drängen sich in den kleinen Raum, um mit uns bei Bier und Tee zu diskutieren. Thema sind die bevorstehenden Parlamentswahlen am 28.November und die Nachfolge des 82jährigen Staatschefs Hosni Mubarak, der seit 29 Jahren an der Macht ist. In diesem Jahr stehen auch Präsidentschaftswahlen an.

„Die gemeinsame Basis aller hier im Raum ist die Ablehnung der Erbfolge“, sagt Hashim und bezieht sich damit auf die Frage, ob Präsidentensohn Gamal seinem Vater im Amt nachfolgt. Und alle hängen mit der „Front für Veränderung“ zusammen, die wegen der verbreiteten Fälschungen zu einem Boykott der Wahlen aufgerufen hat. Die Front hat ein Sieben-Punkte-Programm veröffentlicht, in dem unter anderem ein Ende des Ausnahmezustands, freie Wahlen und eine unabhängige Beobachtung gefordert wird.

Georges Izhak (siehe Interview in Rubrik „Literatur zum Einlesen“), einer der Gründer der 2004 ins Leben gerufenen Kifaya-Bewegung („Es reicht!“), die sich an der „Front für Veränderung“ beteiligt, weist darauf hin, dass auch ein Teil der Muslimbrüder  die sieben Punkte unterstützt. Die vermutlich größte ägyptische Oppositionspartei (www.ikhwanweb.com) ist offiziell verboten, weswegen ihre Mitglieder als Unabhängige kandidieren. Bei den Parlamentswahlen 2005 erhielten sie 88 von 508 Sitzen.

„Wir können die politische Kraft der Muslimbrüder nicht ignorieren“ sagt Izhak, der ein Zusammengehen der verschiedenen Oppositionsströmungen begrüßt hätte. Doch die Führung der Muslimbrüder hat sich für eine Teilnahme an der ersten Runde der Wahlen entschieden, mit den Argumenten, den Wahlkampf für die Mobilisierung zu nutzen und Wahlfälschungen zu entlarven.

Al-Azhar Moschee in Kairo / Foto: Sönke Meyer-Lohmann
 

 

Doch nicht alle teilen die Meinung Izhaks. „Die Muslimbrüder verfolgen eine Agenda des internationalen Islam, sie haben eine rückständige Struktur und wollen zurück zum religiösen Staat“, kritisiert Filmemacher Magdi Ahmad Ali und setzt noch eins drauf: „Mit Faschisten kann man nicht zusammenarbeiten.“ Verleger Hashim sekundiert:“Alles, was die religiöse Bewegung, den Iran und den Teufel schwächt, ist gut.“ Die Debatte wird lebhaft, alle reden durcheinander, aber miteinander. „Bei uns gab es von Anfang an Differenzen und Gemeinsamkeiten,“ erklärt Izhak den Gästen.

…und innerhalb der Muslimbrüder

Wenige Tage später treffen wir den Muslimbruder Abdulmonem Mahmoud. Er ist Journalist, derzeit aber im Streik wegen eines Besitzerwechsels seiner Zeitung Al Dustur. Seine Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern läßt er ruhen, weil er Differenzen mit der Führung hat. „Ich bin der Meinung, alle Parteien hätten die Wahlen boykottieren sollen,“ sagt Mahmoud, der bereits drei Mal im Gefängnis saß, zuletzt im Jahr 2007. Und er tritt für eine Trennung von Politik und Religion ein.

„Die Konservativen haben die Mehrheit in der Führung,“ analysiert der eloquente junge Mann. „Der kontinuierliche Druck auf die Muslimbrüder, die Jahrzehnte lange Atmosphäre der Angst, haben zur Herausbildung einer geschlossenen Gruppe geführt, die sich nicht öffnen kann.“ Wenn es von außen Druck auf eine politische Öffnung gebe und das Regime eine gewisse Zurückhaltung an den Tag lege, würden auch die Chancen der Reformer steigen. „Ist es im Interesse des Westens, wenn solche korrupten Regimes wie das ägyptische weiter bestehen?“ fragt Mahmoud rhetorisch.

Haus im Fatimidenviertel von Kairo / Foto: Wolfgang Zügel
 

 

Doch „der Westen“ hat auch kein Interesse daran, dass die Muslimbrüder bei freien Wahlen an die Macht kommen könnten – eine Karte, die das Regime selbst gerne ausspielt. Und die Debatte unter den Intellektuellen zeigt, dass solche Befürchtungen auch in den Reihen der laizistischen Opposition bestehen. „Das Regime hat Interesse an einer religiösen Orientierung, damit die Religion die Köpfe beherrscht,“ sagt Mahmoud, „Ägypten war immer religiös und das Regime spielt mit Gefühlen der Menschen, die sowieso vorhanden sind.“

Religion als Opium für das Volk, damit es nicht rebelliert, gegen die steigenden Preise, die Arbeitslosigkeit, die unfähige Bürokratie, die Korruption oder das tägliche Verkehrschaos. Stress, Lethargie und politische Depression sind die Folgen. „Die Kultur der politischen Veränderung ist seit 50 Jahren verschwunden“, hatte Izhak bei der Debatte im Merit-Verlag gesagt.

Und so verlaufen die Wahlen wenig überraschend. Auf YouTube und Facebook sind Videos von Fälschungen und Auseinandersetzungen in den Wahllokalen zu sehen, über Twitter wird informiert, für welche Summen man seine Stimmen verkaufen kann. (siehe: taz-Artikel von Karim El-Gawhary vom Wahltag, 29.11.10). Die Regierungspartei NDP gewinnt in der ersten Runde 209 von 221 Sitzen, der Rest geht an kleinere Parteien oder unabhängige Kandidaten, von denen sich üblicherweise einige der Regierungsfraktion anschließen.

Die Muslimbrüder und die liberale Wafd-Partei entscheiden sich daraufhin für einen Boykott der Stichwahl. Mubarak hat nun ein quasi handverlesenes Parlament. Das ist eine bequeme Voraussetzung für die Präsidentschaftswahl, denn die Parlamentsfraktionen nominieren die Kandidaten.

Positivere Worte für das Regime findet ein ägyptischer Reiseführer, der uns an einem Tag begleitet. „Mubarak hat dafür gesorgt, dass es keinen Krieg gegeben hat“, entgegnet er auf eine entsprechende Frage. „Und sein Sohn Gamal kommt nicht aus dem Militär. Er hat in den USA Chemie studiert, das ist schon besser.“ Es entwickelt sich eine kleine Diskussion. „Es gibt viele, die kein Interesse an Wahlen haben, weil schon alles organisiert ist“, konzidiert er. „Alles ist nur eine Show.“

Die Pyramiden von Gizeh – und eine Teilnehmerin der taz-Reise / Foto: Wolfgang Zügel
 

Die Verantwortung der Medien

Über die politische Lage, den Streik bei Al Dustur und die Pressefreiheit diskutieren wir auch mit jungen Journalisten der unabhängigen privaten Zeitung Al Masri al Youm (www.almasryalyoum.com/en), die 2005 gegründet wurde und eine Auflage von 300.000 Exemplaren hat.

Khaled Omar erläutert gleich die rotenLinien. „Wir können nichts über die Armee schreiben oder über Fragen der nationalen Sicherheit, was natürlich eine Frage der Definition ist,“ sagt er. „Und über den Präsidenten kann man nur bestimmte Dinge schreiben, zum Beispiel die öffentliche Debatte über die Nachfolge aufgreifen.“ Angesichts einer „Gesellschaft im Zerfall“ müsse auch über Differenzen „delikat“ berichtet werden. „Wir können nichts veröffentlichen, was die Spaltungen in der Gesellschaft vertieft. Wir müssen auf Deeskalation statt auf Eskalation setzen“, sagt Omar. Die jungen Journalisten wollen die bestehenden Grenzen der Berichterstattung testen und die Presselandschaft verändern. „Inzwischen sind viele unabhängige Zeitungen entstanden“, sagt Omars Kollege Ahmad Harbia. „Die Decke wurde immer höher.“

Der Wahrheit zuliebe soll abschließend erwähnt werden: bei dieser Reise bleibt neben den vielen Begegnungen mit engagierten Menschen auch Zeit für die touristischen Sehenswürdigkeiten dieser Metropole der arabisch- islamischen Welt: Die Pyramiden besuchen wir ebenso wie die Altstadt mit ihren prächtigen Häusern und Moscheen aus der Zeit der Fatimiden (909-1171) und Mamluken (1250-1517).

Und bei unseren Streifzügen durch Kairo bringt Reiseleiter Magdi Gohary uns Geschichte und Geschichten der Stadt nahe, auf seine lebhafte, anschauliche Art. Da er selbst eine Wohnung im Zentrum hat, ist er nie in Verlegenheit, wenn wir uns angesichts der spätsommerlichen Hitze mal ausruhen wollten. Immer weiß er von einem nahegelegenen kleinen Cafe, wo wir im Schatten sitzen und uns bei heißen oder kalten Getränken erfrischen können. Vor dem Schlafengehen treffen wir uns gelegentlich im Innenhof des Hotels, in dem auch Alkohol ausgeschenkt wird.

Unsere Reise, die mit einer Fahrt auf dem Nil in einer traditionellen Feluka begonnen hatte, geht mit einem Abendessen auf der Terrasse eines Restaurants in den Al-Azhar-Gärten mit einem grandiosen Panoramablick über die nächtliche Stadt zu Ende.

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