Davids Land

Nachts war ich allein. Nur die fernen Sterne und der blasse Mond waren meine Begleiter. Ihnen schrie ich meine Not entgegen. Die Sterne verstanden mich, und der Mond hörte mir geduldig zu. Das Funkeln und Leuchten in der stillen Dunkelheit waren meine Straße zum Himmel. Nur von dort konnte eine Antwort kommen. Wenn mir noch jemand helfen konnte, dann der, zu dem man ruft, wenn die Not am größten ist.
Brav wie ein kleines Kind faltete ich jeden Abend meine Hände. Er mußte es doch erkennen. Er mußte doch sehen, wie ungerecht das alles ist.
Ein kleiner Kerl, stramme Beinchen und Ärmchen, erst drei Monate auf dieser Welt. Fröhlich quäkend, das Däumchen im Mund und den Blick nach innen gesenkt. Er lebte in seiner eigenen kleinen dunklen Welt und niemand hat’s bemerkt.
Doch mit der Zeit fiel’s immer mehr auf. Dann die bittre Wahrheit. Blind. Er sieht die Welt nicht. Um ihn herum ist’s nur Nacht.
Aber hören ! „Nein, auch das nicht, hören kann er auch nicht“, flüsterte der Arzt.

Warum nur. Was hatte dieser kleine Kerl verbrochen. Er war doch noch so klein und unschuldig. David – der Name eines tapferen Mannes, der kämpfen konnte. Doch wie sollte dieser Winzling kämpfen. Gegen was? Er lächelte glücklich in seine kleine eigene Welt. Niemand konnte mit in seine Welt. Zu Davids Land hatte von uns niemand Zutritt. Da lebte er in Einklang mit sich allein.

Und so begann ich zu beten. Zaghaft erst und bittend. Was hatte ich erwartet? Ein Donnerschlag und alles ist wieder gut?
Ich fing an zu verhandeln. Es war ja so ungerecht und ohne Sinn.
„Mein Gott, wenn du ein Opfer brauchst, dann nimm doch mich. Was willst du denn sonst noch, sags doch, ich tu’s. Ich tu alles was du willst. Nur verschon das Kind.“ 
Wo war denn nur der liebe Gott aus meiner Kinderzeit. War das nun etwa der wahre Gott? Ein Gott, der sich wahllos irgendjemanden aussuchte, um sich gnädig stimmen zu lassen. Wirklich, es gab doch so viel Menschen auf der Welt, die es verdient hätten, für irgendwas bestraft zu werden. Aber doch nicht so ein unschuldiges Menschlein. Was hat er denn schon Böses getan? Er will doch nur leben. Will doch nur groß werden. Warum läßt er ihn denn nicht?

„Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann nimm das Licht aus meinen Augen. Laß ihm seines. Gib mir die Stille in mein Ohr. Ich hab mein Leben schon gelebt, den Rest kann ich auch im Dunkel verbringen. Aber er – er ist doch noch am Anfang seines Lebens. Er will die Farben sehen. Er will Musik hören. Er muß doch leben.“

Ich lauschte in die schwarze Stille der Nacht. Keine Antwort. Von woher auch ? Der Himmel war so weit weg. So unerreichbar fern. Wie sollte mich denn da jemand hören. Da konnte ich noch so laut rufen und schreien.

Dann klagte ich an: „Ich dachte, du könntest alles. Wo ist denn jetzt deine Allmacht? Wenn du wirklich alles lenken und leiten kannst,dann mach doch endlich das Kind gesund ! 
Oder kannst du’s etwa doch nicht. Bist wohl alt und schwach geworden?“

Und wieder keine Antwort, kein Zeichen.
Es blieb Nacht um David. Und es war finster in mir.
Was sollte all das Bitten und Beten.
„Ich bin fertig mit dir. Wenn man dich braucht, bist du ja doch nicht da. Also komm ich auch ohne dich zurecht. Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben !“

Die Sterne zogen einen Vorhang vor den Himmel. Der Weg zur Straße der Hoffnung war versperrt für mich. Nun ließen mich auch die funkelnden Himmelslichter in Stich.
So mußte es denn also sein. Ich mußte loslassen. Das was ich liebte entlassen in seine eigene dunkle, einsame Welt.

Doch da war noch Wally. Eine alte, gläubige Frau. Und Wally hatte Kraft, die Kraft, die ich nicht mehr hatte. Wally klagte nicht an. Sie versuchte nicht, zu verhandeln. Sie nahm nur an, was ihr auf die Schultern gelegt wurde. So nahm sich auch meine Last an. Sie betete, jeden Abend, fromm und ergeben. Sie betete für ein kleines Kind, das sie nicht einmal kannte. Sie forderte kein Recht ein so wie ich. Sie rief nicht lauf und wehklagend. Ihr Herz war nicht taub, ihre Seele nicht verwundet wie meine. Sie erzählte mir von den abendlichen Gebeten.
Eine große Verantwortung war nun von mir genommen. Nur gut, wenn i c h auch nicht mehr beten konnte, s i e tat es jezt für mich. Sie konnte das bestimmt auch viel besser. Sie war ja schließlich fromm.

Und Davids Land wurde heller. Seine dunklen Schattengeister entschwanden. Die Sonne kitzelte seine blauen Augen. Die leise Musik des Windes und ein sanftes Rauschen der Bäume durchdrang seine Ohren. Er lauschte und sah. Erst ganz stumm und verwundert. Dann gab er sich dem hellen Schein und der anschwellenden Musik der Welt hin. Seine Sinne erwachten aus einem tiefen Schlaf. Er schwamm durch ein Reich der Töne und des Lichtes.
Nur noch manchmal zieht er sich in sein Land zurück. Taucht ein wie in einen tiefen See. In sein Davidland. Doch wenn er wieder auftauchen will in unsere Welt, in die Welt der Sonne und des Schattenspiels, in die Welt der Klänge und der Musik, dann kann er das.

Auch mein Weg zum Himmel ist wieder frei. Ausgesöhnt mit dem, der zuhört, auch wenn ichs nicht bemerkt habe. Ausgesöhnt mit dem, der keine Opfer will, auch wenn ichs glaubte.
Er wird wohl verstehen, daß ich zornig war. Und mein leises, schüchternes „Danke“ hat er sicherlich gehört.

Im August 1999
Monika Klemmstein

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