Wenn Knaben Männer werden müssen

oder ein Familienausflug mit Schrecken

 Alle Jahre wieder- kommt hier nicht das Christkind, jedoch das Opferfest und Familie sieht sich. Der familiäre Schlauch zieht sich anscheinend durch das ganze Universum und Mensch hat dem zu folgen.

Frühmorgens- das heisst um 12 Uhr Mittags- (für ägyptenfremde Menschen muss ich dies erklären: der Tag hier beginnt nur für Schulkinder und ihre armen Lehrpersonen um sieben Uhr, normalerweise steht Herr und Frau Ägypter nicht vor dem Mittag auf. Hat auch seine praktische Seite, man denke nur an das Fasten, das so zu einem Spaziergang wird und mit Enthaltsamkeit etwa so viel am Hut hat wie ein Elefant mit einer Maus).

So, zurück zum Opferfest, also allesamt ins Taxi verfrachtet – Kind und Kegel , in etwa schaffen wir es immer auf gute 12 Personen pro Fahrzeug – sie sehen, wir sind echt sparsam.

Dann geht’s los, ich bete schon mal vor, da bei solchen Ausflügen nie sicher ist, ob man jene auch heil übersteht. Die Strassen voller Mondkrater und allerlei Viecher und menschliche Hühner, die schnatternd die Strasse überqueren, wird der Ausflug zum Horrortrip. „Wieder mal geschafft „ denke ich, als wir nur noch etwa 10 Minuten Fahrt vor uns haben. Haette ich besser noch ein wenig gewartet mit meiner Vorfreude….

Schon fast einem Hamburger im Sandwich ähnelnd, spähe ich aus dem Fenster und da wird mein mulmiges Gefühl noch mulmiger: Vor uns fährt ein vorsintflutliches Monstrum, bei jedem Meter klappern alle seine Bestandteile bedrohlich und ich rechne mit dem Schlimmsten. Vor allem da der Fahrer anscheinend ein riesiges Vertrauen in sein ganzes Glück- den Lastwagen meine ich- hat und die Bremse entweder nicht findet oder jene kaputt ist… er rattert und klappert mit sicher hundert Sachen vor uns her. Ich will noch schreien „vorsicht“ aber es ist schon zu spät: mit einem Ruck löst sich die ganze Stossstange und umarmt unsere Windschutzscheibe. Wir schlingern und drehen uns wie die Zirkusprinzessin in der Manege – nun bin ich anscheinend nicht mehr die einzige , welche betet. „Allah , Subhanallah, la haula wa la quata illa billah“ und ein Kindergreschrei, dass Tote davon erwachen könnten..

Aber Allah ist weder taub noch ungnädig und errettet uns aus diesem Schlamassel. Mit einem riesen Schreck und dem Herz in der Hose kommen wir nochmals davon.

Das Schaf darf doch noch gegessen werden heute.

Und wie die Ägypter sind, ist dieses Erlebnis, im Angesicht der traditionellen Fatta (Lammfleischgericht mit Reis) schnell vergessen- Dank sei Allah!

Nur ich als Vegetarierin kann mich da gar nicht ergötzen und denke mit Grauen an die Heimfahrt.

 

Die sogar noch Schlimmer wird als die Hinfahrt….

 

Mit vollem Bauch und rundherum zufrieden beschliesst meine bessere Hälfte, dass es wohl gescheiter und klüger sei, doch einen Mikrobus (umgebaute Toyotabusse mit 12 Plätzen) zu mieten und so dem Gequetsche zu entgehen. Gesagt getan. Das stolze Gefährt ist eine einzige Katastrophe. Da war der klapprige Lastwagen noch ein Himmelsgefährt dagegen. Ich will mich weigern einzusteigen, aber ein scharfer Blick „benimm dich und tu nicht so doof“ lässt mich mit einem innerlichen Seufzer in dieser Schrottkarre Platz nehmen. „Na, die hats bis jetzt geschafft, die wird’s wohl auch heute noch schaffen“ tröste ich mich.

Der Trost verfliegt sobald ich sehe, wer das Gefährt steuert. Nein, aber das ist nun doch zuviel! Unser Fahrer ist ein Kind, höchstens zehn jahre alt. Meine verzweifelten Stupser Richtung bessere Haelfte bleiben ungehört und unbeantwortet.

Der Junge gibt sich eine riesige Mühe. Ich bin sicher, sein Vater ist krank und die Familie arm und angewiesen auf das spärliche Geld des Taxiunternehmens.. Der Kleine ist bewundernswert und springt ein, wie viele Kinder hier, die wahrscheinlich noch nie eine Schule von innen gesehen haben.

Aber er kann deswegen noch lange nicht fahren. Es ruckt und hopst und schlingert. Mein Mann bemerkt dann doch einmal, als er in halbbrecherischem Überholmanöver fast eine Palme rammt, „ja habibi , du hast hier Leute drin, piano, piano..“ Anscheinend ist der Junge es gewohnt zu gehorchen, so wird es etwas besser. Nur die nächste Katastrophe naht schon.

Normalerweise benutzen wir immer die Brücke, um über den Nil zu kommen. An jenem Tag jedoch musste es die Fähre sein. Nicht das auch noch! Meine Vorahnungen verstärken sich zur Gewissheit, heute hat mein letztes Stündlein wohl geschlagen….

Gott sei Dank geht fast alles gut, bis – ja bis zum Anlegemanöver.

 

Die Fähre besitzt natürlich weder eine Hightech-Ausfahrrampe noch eine Sicherung, damit die Menschen und Autos in Ruhe und in Sicherheit die Fähre verlassen können. Der Leser muss sich die gesamte Fähre vorstellen als ein altes Boot, umfunktioniert, damit etwa 10 Fahrzeuge Platz darauf finden. Auf beiden Seiten befindet sich eine Hebevorrichtung, die heruntergeklappt werden kann, und welche beim Anlegemanöver, da nicht festgemacht, bedenklich hin und her schwankt und mitunter kommt es vor, dass die Strömung die Fähre ein wenig abtreibt und sich eine meterbreite Kluft  auftut.

Dies genau passiert uns natürlich. Ich sehe es arbeiten im Kopfe unseres jungen Helden. Was soll er nun tun? Ein umsichtiger Fahrer hätte das Fahrzeug natürlich zurückgesetzt und gewartet, bis die Fähre wieder richtig angedockt war. Nicht so unser habibi. „Ich muss Gas geben,“ denkt er sich und drückt aufs Gaspedal.

„neiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin“ ich schreie dieses Mal, Mein Schrei verklingt zwischen Himmel und Erde, wo wir plötzlich hängen. Die Hinterräder auf der Rampe, die Vorderräder im Wasser, so sind wir nur eine Haaresbreite davon entfernt, ins Wasser zu stürzen. Das Herz ist schon lange irgendwo zwischen meinen Knien und wir alle versuchen, das Gefängnis in Form des Mikrobusses zu verlassen. Hier jedoch zeigt sich die mentale Stärke meines Mannes, der anstatt zu verzweifeln, uns den guten Rat gibt, nach hinten zu rutschen. Weshalb? Auch wenn ich nicht verstehe, gebe ich seine Anweisung weiter – zu verlieren haben wir ja nichts mehr – und mit einem Ruck rutscht der Bus, durch unser Gewicht gezwungen, ein wenig nach hinten. Die Rampe, nun schräg gegen oben gerichtet, hilft auch noch und der Bus rollt von seiner luftigen Höhe hinunter auf sicheren Schiffsboden.

 

Mich halten keine hundert Kamele mehr in diesem Bus. Mit meinen Kindern im Schlepptau verlasse ich unser Albtraumgefährt und sitze wie ein Häufchen Elend am Boden. Wenn schon sterben, dann auf eigenen Füssen und nicht in einem Mikrobus gefangen… Die gutgemeinten Zurufe anderer Passagiere und meines Mannes ignorierend renne ich mit meinen Kindern ans sichere Land und weigere mich, auch nur noch eine Zehe zurück in den Bus zu setzen.

 

Ich weiss jetzt, weshalb in jedem Bus ein Aufhänger mit „bismillahi ar rahman ar rahim“ (im namen des Allerbarmers des Barmherzigen) hängt.

 

 

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