hat die Sintflut wirklich stattgefunden?

Überlieferung

Ich habe wiederholt angedeutet, dass der biblischen Erzählung ein mesopotamischer Mythos zugrunde liegt, der uns in drei verschiedenen Fassungen überliefert ist:

Mesopotamien

Eine sumerische Urgeschichte (Ziusudra),

lückenhaft überliefert, beginnt mit der Schöpfung, der Entstehung von Kultur und Königtum und endet mit der Sintflut.

  Eine schwere Sturmflut führt zu einer siebentägigen Überschwemmung. Ziusudra rettet sich auf einen „Großschiff“ und opfert nach der Flut dem Sonnengott Ochsen und Schafe. Die Götter schenken Ziusudra das ewige Leben auf der Insel der Seligen.  

Das altbabylonische Atra(m)chasis-Epos

wurde in seiner ältesten erhaltenen Fassung zwischen 1582 und 1562 in Sippar verfasst oder abgeschrieben, in mehreren Abschriften aus späterer Zeit erhalten.

  Die Geschichte beginnt ebenfalls mit der Erschaffung der Menschen, die den Göttern die Arbeit abnehmen sollen. Sie gehen ihnen aber bald mit ihrem Lärm so auf die Nerven, dass sie zunächst durch andere Plagen die Menschen dezimieren und sie schließlich durch eine Flut ganz ausrotten wollen. Der Gott Enki aber warnt den frommen König Atra(m)chasis und gibt ihm den Rat, ein Schiff mit zwei Zwischendecks und einem Dach zu bauen und mit Pech abzudichten. Er steigt ein, dichtet die Tür mit Lehm ab. Dann beginnt eine siebentägige Sturmflut. Nach der Flut opfert der König. Die Götter scharen sich wie Fliegen um den Opferrauch. Es kommt zu einem heftigen Streit über den Sinn der Flut. Am Ende werden die Menschen neu erschaffen und Vorsichtsmaßnahmen ergriffen, damit sie sich nicht wieder zu sehr vermehren.  

Gilgamesch

Die Geschichten um Gilgamesch, den König von Uruk, wurden seit altbabylonischer Zeit (20er- 18-er Jahrhundert) in verschiedenen Fassungen überliefert. Die Sintflutsage ist nur ein Teil davon.

  Der Flutheld heißt hier Utnapischtim aus Schurippak (am Euphrat, ca. 140 km südöstlich von Babel). Utnapischtim baut auf Rat einen Gottes ein „Schiff“, lädt seine Habe, auch wilde Tiere, Handwerker und schließlich seine Familie ein. Den Bürgern erzählt er, er wolle hier nicht mehr wohnen und zu seinem Freund Ea in den unterirdischen Ozean fahren. Er ernennt einen Handwerker zum Kapitän, verschließt die Tür und dann beginnt ein furchtbares Unwetter. Ein Südsturm bringt eine so gewaltige Überschwemmung, dass sogar die Götter Angst bekommen. Nachdem der Sturm sich nach einer Woche gelegt hat, macht Utnapischtim eine Luke auf und sieht, dass allen zerstört ist. Er landet auf den Berg Nisir und lässt nach weiteren sieben Tagen hintereinander eine Taube, eine Schwalbe und einen Raben frei, Der Rabe kommt nicht wieder. Utnapischtim steigt aus und opfert den Göttern.  

Griechenland

Die mesopotamische Flutgeschichte muss im ganzen Orient bekannt gewesen sein, auch dem biblischen Erzähler. Sie gelangte wohl in einer phönizischen Fassung nach Griechenland , wo die Sage von Deukalion und Pyrrha daraus entstanden ist:

  Deukalion und PyrrhaDa Zeus beschlossen hatte, die böse Menschheit zu vernichten, zimmert der Prometheussohn Deukalion ein Schiff und rettet sich damit vor der Sintflut, die den größten Teil Griechenlands überschwemmt. Ein paar können sich auf hohen Bergen retten. Nach 9 Tagen landet die Arche auf dem Parnass. Deukalion steigt aus, opfert dem Zeus und bevölkert die Erde wieder dadurch, dass er und seine Frau die „Knochen ihrer Mutter“ (Steine) nach hinten werfen, aus denen neue Menschen entstehen.  
  Ogygos

Nach einer nicht weiter ausgeführten Überlieferung soll schon vorher, zur Zeit des boiotischen Königs Ogygos (Ogyges), eine große Flut gewesen sein.

 

Dass der Hauptteil der Sage aus den Orient gekommen ist und den Griechen aus einer semitischen Sprache bekannt wurde, sehen wir an den Namen der Helden: Deukalion (zu lat. dux „Führer“ ist eine Lehnübersetzung zu sem. Noah „Leiter“; der Name seiner Frau Pyrrha ist herausgesponnen aus der semitischen Bezeichnung išša „Feuer“, was eine Weiterbildung zu  „Feuer“ sein könnte. Deukalion ist der Enkel des Titanen Iapetos, der Vater des Urgriechen Hellen und der Urgroßvater des Stammvaters Ion – Noah dagegen ist der Vater Japhets und Großvater der Urgriechen Jawan!

Nun erklärt aber die Ost-West-Wanderung dieser Geschichte nicht, weshalb Sintfluterzählungen auf der ganzen Welt verbreitet sind, auch in Amerika. Eine mesopotamische Geschichte kann bis nach Griechenland und Indien gewandert sein, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass sie auf diese Weise auch in Amerika bekannt geworden ist.

Indien

Auch die indische Überlieferung kennt die Sintflutsage:

 

Manu

Der Gott Vishnu, Erhalter der Welt, offenbart sich in Gestalt eines Fischs dem Manu und kündigt ihm an, dass eine große Flut die Welt vernichten würde. Manu baut ein Schifft, das von dem Fisch durch die Fluten gezogen wird und schließlich auf dem Gipfel eines Berges anlegt. Manu opfert Milch und Butter und wird Stammvater der neuen Menschheit.

 
 

Satyavrata

Der Gott Vishnu, Erhalter der Welt, offenbart sich in Gestalt eines Fischs dem drawidischen König Satyavrata (oder Satyavarman) und kündigt ihm an, dass binnen sieben Tagen eine große Flut die Welt vernichten würde. Auf Geheiß des Gottes begibt sich der König zusammen mit sieben Weisen und Tieren und Pflanzen an Bord eines großen Schiffs. Der Fisch zieht das Schiff durch die Fluten und bringt es zum Himalaja, wo das Schiff schließlich landet. Seine Söhne Sharma, Charma und Jyapeti verbreiten sich auf der Erde.

 

China

 

Ein kleiner Junge nimmt eine Bettlerin, die in Wirklichkeit ein Gott ist, als Großmutter an. Diese kündigt eine große Flut an, die die sündige Stadt zerstören soll. Als der Regen kommt, besteigen sie ein Wunderschiff und retten unterwegs allerlei Tiere und einen bösen Mann, der sie nach der Flut in Schwierigkeiten bringt.

 

Erklärungsversuche

Zufall

Es wurde daher versucht, die weltweite Verbreitung dieser Erzählung dadurch zu erklären, dass es immer und überall große Überschwemmungen gegeben hätte, für die es die beiden Möglichkeiten der Rettung (Berg oder Schiff) gab. Damit lassen sich aber nicht die übereinstimmenden Züge vieler Sagen erklären, z.B. dass nur „Noah“ und Tiere gerettet werden, dass es am Ende ein Dankopfer bringt, dass er der Stammvater einer neuen Menschheit wurde. Diese „Zufallserklärung“ bleibt also unbefriedigend. Es muss eine gemeinsame Wurzel für alle Sintflutgeschichten geben.

Urerinnerung

Die nahe liegende Erklärung ist natürlich: Wenn die Sintflut wirklich die ganze Welt überschwemmte, so wurden alle Völker davon betroffen. Die überlieferten Geschichten sind Urerinnerungen an dasselbe Ereignis. Aber auch diese Deutung hat ihre schwachen Punkte: Wenn die Sintflut auch den Indianern bekannt ist, müsste es entweder viele Noahs gegeben haben (was an sich nicht unwahrscheinlich ist), oder die Sintflut müsste Zehntausende von Jahren zurückliegen, so dass die Nachkommen Noah Gelegenheit hatten, auch in Amerika einzuwandern und sich dort auszubreiten.

Der schwächste Punkt der „Urerinnerungs-Erklärung“ ist aber zweifellos, dass wir uns nicht vorstellen können, wie ein Fünftausender wie auch die höchsten Berge unter Wasser stehen konnten.

Urbild

Es gibt gewichtige Gründe, dass die Sintflutgeschichte nicht historisch, sondern mythisch zu verstehen ist:

Geburt

Das zeigt die auffallende Benennung des Binsenkörbchens von Mose als „Arche“ (hbr. tébâ). Das Wasser ist ein Symbol für die Todesmacht, die die junge Menschheit und die israelitischen Buben bedroht und der die Helden nur mit Mühe entrinnen.

Nun hat die Mosegeschichte ihre eigenen Parallelen in der antiken Literatur, angefangen beim babylonischen König Sargon bis hin zu Romulus und Remus: Immer wieder wird erzählt, dass ein böser König einem neugeborenen Jungen nach dem Leben trachtet (vgl. auch Herodes und Jesus). Das Kind wird in einem Behälter ins Wasser gesetzt, gerettet, wächst bei fremden Leuten auf und kommt als Erwachsener in seine Heimat und wird dort das, was ihm das Schicksal vorherbestimmt hat. Die Machenschaften des bösen Königs waren erfolglos.

Wenn auch manches in der Mosegeschichte anders ist, wird doch deutlich, dass in dieser Art von Geschichte eben kein historisches Ereignis, sondern etwas Typisches erzählt wir, was immer wieder passiert. So wäre also auch die Noahgeschichte zu verstehen, nur abgewandelt als Vorgeschichte der Menschheit.

Das Wasser der Sintflut ist also ein „Urbild“, genauso wie das Paradies mit seinem Lebensbaum und dem Drachen ein solches Urbild ist.

Rettung

Auch die Arche ist ein solches Urbild. Es ist ja auffallend, dass die Arche Mose und Noah genauso steuerlose Rettungsbehälter sind wie die Wanne, in der der Romulus und Remus ausgesetzt werden. Eine solche steuerlose Arche kannten auch die Germanen:

  Wieland der Schmied lässt sich als erwachsener Mann in einem ausgehöhlten Baumstamm zu König Nidung, dem Räuber seines Zauberringes treiben. Dieser nimmt Wieland gefangen, lähmt ihn und lässt ihn für sich arbeiten, bis Wieland wie einst Daedalus mit künstlichen Flügeln wieder in die Heimat entflieht: eine Weiterbildung der Daedalussage. Die Geschichte beschreibt das Schicksal der Seele, das durch Zufall (daher das steuerlose Fahrzeug) in bestimmte Verhältnisse hinein geboren, vom Leib versklavt und durch den Tod als Flügelwesen wieder befreit wird.  

Die Arche bei Wieland ist also mit einiger Wahrscheinlichkeit ein Urbild für die Geburt, ähnliches trifft auch für Romulus und Mose zu. Das Baby, das zufällig im Wasser gefunden wird, erinnert außerdem an das moderne Märchen vom Klapperstorch, Die Mosegeschichte zeigt in einzigartiger Weise, dass die Ziehmutter (bei Mose die Königstochter) nicht die wahre Mutter, die irdische Heimat also nicht die wahre Heimat ist: Die Heimat der Seele ist woanders; ihre irdische Behausung, ob Hirtenhütte oder Pharaonenpalast, ist nur ein vorübergehender Aufenthaltsort.

Das Urbild der Arche hat also seine eigene Geschichte, unabhängig von der Sintflut. Das zeigt ganz deutlich die Wielandsage.

Tod

Die Arche ist auch den Ägyptern bekannt, wenn auch die Ägypter keine Sintflut kennen.

  Nach der Darstellung Plutarchs ermordet Seth seinen Bruder Osiris, packt die Leiche in einen Kasten und wirft diesen in den Nil. Diese Arche schwimmt nun ins Mittelmeer und landet in Byblos in Phönizien, wo sie nach vielen Umständen von der Osiris-Witwe Isis gefunden und wieder nach Ägypten gebracht wird. Wichtig ist der Zug, dass der Kasten in einen Baum einwächst; aus diesem Baum, der die Leiche enthält wird eine Säule für einen Palast gemacht.  

Hier ist die Arche also ein Sarg, und der Mythos erzählt nichts von einer Auferstehung des Osiris, wenn auch die Geschichte mit dem Baum etwas Ähnliches andeutet.

Eine ähnliche Erzählung kannten auch die Germanen:

  Baldr wird von seinem Bruder Hödr versehentlich getötet. Die Leiche wird in einem Schiff verbrannt, das steuerlos ins Meer treibt – dem Totenreich zu, das hinter dem Meer liegt.  

Bei den Nordgermanen scheint die Bestattung im brennenden Schiff verbreitet gewesen zu sein.

Geburt, Rettung und Tod; Binsenkörbchen, Arche und schwimmender Sarg gehen also ineinander über. In jedem Fall deutlich ist das überall verwendete Urbild.

Vergleichende Sagenforschung

Trotzdem ist die Sintflutgeschichte durch diese „Urbildertheorie“ allein auch nicht zu erklären.

Dies können wir uns am Beispiel Moses deutlich machen. Mose war ja wie Sargon eine historische Persönlichkeit, und niemand kommt auf die Idee, dies zu bezweifeln, nur weil man von beiden die urbildliche Binsenkörbchengeschichte erzählt. Gerade die Verschiedenheiten der beiden Geschichten zeigen, dass man das Urbild auf zwei grundverschiedene Persönlichkeiten übertragen hat: auf den König zweifelhafter Abstammung und auf den Ägypter, der in Wirklichkeit ein Hebräer ist.

Genauso müssen wir annehmen, dass die Urbilder Sintflut und Arche die Erinnerung an ein historisches Ereignis zwar beeinflusst haben; aber wir können nicht sagen, dass diese Sage nur eine Kombination beider Urbilder ist. Dann wäre die Sintflutgeschichte ein Märchen ohne historischen Erinnerungswert.

Aber ein Märchen ist die Geschichte eben nirgends gewesen. Denn es kommen in ihr konkrete Personen- und Ortsnamen vor, wenn auch die Namen verschieden sind: Noah, Utnapischtim, Deukalion; Ararat, Nisir, Parnass.

Die Verschiedenheit der Bergnamen ist leicht zu erklären: Man dachte an einen jeweils bekannten Berg. Ähnliche Unterschiede in der Lokaltradition finden wir auch bei anderen Geschichten, die zweifellos historisch sind: Hieß der Berg der Gesetzgebung Horeb oder Sinai und wo lag er? Was war das Schilfmeer? Vergleiche auch die Überlieferung von den Paradiesesströmen. Wo also der ursprüngliche Ort der Geschichte nicht mehr bekannt ist, setzt man bekannte Ortsnamen sein. Das spricht nicht gegen die Historizität der Überlieferung.

Nicht ganz so einfach ist es mit den verschiedenen Namen des Sintfluthelden. Man mag noch verstehen, warum in verschiedenen Völkern verschiedene Namen gebraucht werden. Aber warum hatte der Held in Mesopotamien drei Namen?

Ich könnte mir vorstellen, dass man die Sintflutsage mit irgendwelchen Heroen verbunden hat. Atrachamsis war ein sumerischer König, Noah der Stammvater von drei Völkergruppen. Utnapischtim ist im Gilgamesch-Epos nur eine Nebenfigur, schon damals ein Heros der Vorzeit.

Es wäre auch denkbar, gerade wenn die Sintflut ein historisches Ereignis gewesen ist, dass es tatsächlich mehrere „Noahs“ gab, etwa die Anführer einer ganzen Flotte. Da bräuchten wir uns über die Namensverschiedenheiten nicht zu wundern. Die Personennamen bringen uns aber bei unserem Versuch, die Sintflut zu entdecken, nicht viel weiter, weil sehr viel mehr als die Sintflut von diesen Helden nicht erzählt wird. Es gibt also keine Anknüpfungspunkte an Personen, die anderweitig bekannt sind.

Noch einmal zurück zu den Bergnamen: Trotz der Verschiedenheit der Namen suchen sowohl die babylonische als auch die biblische Überlieferung den Landungsort hoch im Norden in den Bergen, in denen Euphrat und Tigris entspringen. Diese Gegend lag sowohl für die Sumerer als auch für die Israeliten am Ende der Welt. Man kannte sie nur vom Hörensagen. Hier in der Nähe, im Land Eden suchte Israel das Paradies, während die Mesopotamier das Paradies auf einer Insel der Seligen im Persischen Golf vermuteten. Dies zeigt, dass für Sumer Kurdistan oder Armenien genauso wenig aus eigener Anschauung bekannt war wie für Israel. Dies spricht dafür, dass die Ortsüberlieferung nicht frei erfunden sein kann. Man nimmt also nicht einfach einen bekannten hohen Berg wie den Parnass, sondern ein weit entferntes Gebirge, das man nur vom Hörensagen kennt.

Die griechische Geschichte von Deukalion scheint nun allerdings uns einen Strich durch die Rechnung zu machen. Denn die Flut verheert nur einen Teil von Griechenland, und der Held landet mitten drin auf dem Berg Parnass am Golf von Korinth. Also eine ganz andere Sintflut? Wir müssen aber zunächst folgendes bedenken: Die Sage will auch erklären, wie dieser Golf entstanden ist (bei der Flut wurde Griechenland in zwei Teile zerrissen). Außerdem wurde ja hier die orientalische Sage in ein ganz anderes Land übertragen und dort den örtlichen Verhältnissen angepasst.

Viel klarer wird uns aber der Zusammenhang, wenn wir die Familienverhältnisse von Noah und Deukalion berücksichtigen. Da erscheinen nicht nur die Namen Japhet = Iapetos und Jawan = Ion.

  Sondern vom Vater Deukalions, Prometheus, wird erzählt, er habe die Menschen aus Lehm gemacht und ihnen aus Tierseelen Leben eingegeben; die Göttin Athene habe ihnen dann noch Verstand eingehaucht. Dann habe Prometheus die Menschen allerlei Künste gelehrt und ihnen schließlich gegen den Willen der Götter das Feuer vom Himmel geholt.Dieser Teil der Geschichte variiert eigentlich nur ein altbekanntes Thema. Interessant ist allerdings die Strafe für den Raub des Feuers: Die Götter lassen den Sünder an den Kaukasus schmieden, wo ein Adler täglich von seiner nachwachsenden Leber frisst.  

Der Kaukasus liegt für die Griechen freilich wieder am Ende der Welt – aber in verdächtiger Nähe zu den Bergen Armeniens und Kurdistans! Von Athen zum Elbrus sind es 2800 km, vom Elbrus zum Großen Ararat dagegen nur 450 km! Dazu muss bemerkt werden, dass die Prometheussage unabhängig von der Deukaliongeschichte ist. Beide sind nur wie in vielen anderen Fällen durch den Stammbaum miteinander verknüpft.

Merkwürdigerweise wird nun von Noah erzählt, er sei ein Sohn Lamechs gewesen, und zwar aus dem Sethitenstammbaum; ein anderer Lamech aus dem Kainitenstammbaum hatte Söhne mit den sintflutähnlichen Namen Jabal, Jubal, Tubal, und diese hätten die Kultur erfunden. Und von Noah wird erzählt, er habe nach der Sintflut als erster Wein angebaut. Also auch in der Bibel ein enger Zusammenhang zwischen Sintflutheld und Kulturbringer! Die entscheidenden Errungenschaften der Kultur wurden sowohl in der biblischen als auch in der griechischen Überlieferung vor der Sintflut erfunden. Mancherlei Gründe sprechen also dafür, dass dieses Bergland zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer und Mesopotamien eng mit der Landung Noahs nach der Sintflut verbunden ist.

Der auffallendste Hinweis ist allerdings die mesopotamische Überlieferung: Denn die Sintflut sucht die Heimat, das Land Sumer heim, und sie ist geschildert wie eine echte Sturmflut mit Südsturm, wie sie die Küste des Persischen Golfs immer wieder erlebt haben mag. Dass da der eine oder andere Einwohner sich auf einem Schiff rettet, und dass dieses Schiff nach der Überschwemmung auf einer Bodenerhebung wieder landet, mag auch immer wieder vorgekommen sein. Aber es ist eigentlich unvorstellbar, dass der Held bei dieser Überschwemmung durch das ganze Tiefland aufwärts fährt und auf einem Berg hoch im Norden landet! Das heißt also: Das Anschauungsmaterial für die Flut lieferten die Unbilden der Natur und der Persische Golf; der Ort der Landung muss uralte Überlieferung sein und nicht nur ausgedacht!

Völkerkunde

Dieses Ergebnis der vergleichenden Sagenforschung wird nun von der Völkerkunde bestätigt:

Völkertafel

Die Völkertafel 1. Mose 10 zeigt, dass von Noah alle Völkerschaften der bekannten Welt abstammen: von Sem die Mesopotamier, von Ham die Bewohner der Mittelmeerküste und von Japhet die Bewohner Kleinasiens. Diese drei Gegenden aber haben ihr gemeinsames Zentrum eben wieder in Armenien.

Heimat der Patriarchen

Die übereinstimmende Meinung den ganzen Alten Testamente ist dass die Vorfahren Israels aus Mesopotamien stammen: Josua 24,14 „Lasst fahren die Götter, denen eure Väter gedient haben jenseits den Euphratstroms.“ Dabei ist die Jakob-Tradition eng verbunden mit dem Ort Haran in Syrien (l. Mose 27-31; vgl. 5. Mose 26,5 „Mein Vater war ein Aramäer …“; Aram war später der Name von Syrien. Der Name Aram scheint identisch mit dem von Armenien zu sein – sprachlich, nicht geographisch.

Nach 1. Mose 11.28.31; Nehemia 9,7 dagegen stammte Abraham aus Ur in Chaldäa. Diese Stadt lag in Südbabylonien am Unterlauf den Euphrat. Dazu ist aber folgenden zu bedenken:

  • Die Nehemiastelle scheidet als Beleg aus; wie die Namensform Abram zeigt, beruft sich Nehemia bereits auf Gen 11.
  • Die griechische Übersetzung bringt an allen Stellen „das Land Chaldäa“, liest also statt Ur hbr. äräṣ. Das lässt sich aber damit erklären, dass der griechische Übersetzer mit dem Namen Ur nichts anfangen konnte. Die Stadt war seit der Perserzeit bedeutungslos geworden. Also muss der Stadtname in der hebräischen Bibel richtig überliefert sein,
  • Die Chaldäer waren ein aramäischer Stamm, der im Jahr 1070 v. Chr. in Südbabylonien ein Reich gründete. Sie waren wohl aus dem aramäischen Raum im Norden eingewandert, denn sie sprachen einen aramäischen Dialekt.. Dies würde wiederum in den Norden weisen.
  • Der Erzähler benutzt wohl neben dem historischen Stadtnamen den damals modernen Ländernamen. Zeitgemäß wäre nach Gen 11 der Name Land Schinar.

Alle Gründe sprechen also dafür, dass die Vorfahren Abraham tatsächlich Beziehungen zu Südbabylonien hatten.

Völkerwiege Kaukasien

Merkwürdig ist, dass heute im Gebiet des Kaukasus über 40 voneinander unabhängige Sprachen gesprochen werden; das mag mit der Isolation einzelner Gruppen in den Tälern zu tun habe. aber es erweckt doch irgendwie den Eindruck, dass dieses Gebiet so etwas wie eine Völkerwiege ist.

Um 3.000 lag Kaukasien im Zentrum einiger wichtiger Völkerbewegungen: Nördlich und östlich davon, in Südrussland und Anatolien, scheint der Ausgangspunkt der indogermanischen Expansion gewesen zu sein; südlich davon, in Kurdistan und Syrien war die vermutliche Urheimat der Semiten. Georgien und Spanien hatten im Altertum denselben Namen, Iberia, und es scheint auch darüber hinaus Beziehungen zwischen beiden Ländern gegeben zu haben.

Dazu kommt, dass das Ostanatolien wichtige Impulse für die kulturelle Entwicklung gegeben hat: Ackerbau, Streitwagen, Bronze- und die Eisenverarbeitung scheinen dort ihren Ursprung zu haben. Wichtige Monumente der jungsteinzeitlichen Megalithkultur in Westeuropa und im Orient finden sich in Armenien.

Wo kamen aber alle diese Völkerschaften her?

Merkwürdigerweise sind ja der Kaukasus und Armenien Hochgebirge, und Gebirge, so hat man sonst den Eindruck, werden nur unter äußerem Druck besiedelt. Wie kommt es nun, dass das Kaukasusgebiet um 2500 Ausgangspunkt zahlreicher Völker geworden ist? Das ist am einfachsten wohl so zu erklären, dass durch ein äußeren Ereignis (die Sintflut?) eine ganze Menge Menschen gezwungen waren, sich ins Gebirge zu flüchten, so dass dort sehr schnell ein Bevölkerungsüberschuss entstand, der nach der Flut wieder abwanderte.

Was könnte das für eine Flut gewesen sein?

Erdgeschichte

Zu den völkerkundlichen Beobachtungen gehören Überlegungen zur Erdgeschichte:

Land unter nach der Eiszeit

Die letzte Eiszeit ging vor ungefähr 10-12.000 Jahren zu Ende. Damals fingen die mächtigen Gletscher über Nordskandinavien und den Hochgebirgen an abzutauen, Die Eiszeit hatte bisher gewaltige Wassermassen in den Gletschern gebunden, so dass der Meeresspiegel bis zu 200 m tiefer lag als heute. Dies bedeutet, dass Flachmeere wie die Nordsee und Teile der Adria und Ägäis trocken lagen. Mit dem Abtauen der Gletscher wurden diese freiliegenden Flächen wieder nach und nach vom Wasser bedeckt, bis die heutige Küstenlinie erreicht war. Die letzten Teile der Nordsee wie das Wattenmeer und die Doggerbank dürften erst im letzten Jahrtausend vor Christus endgültig im Meer versunken sein. [1]

Es haben sich also in diesen Küstenländern in der Zeit vor Christus unvorstellbare Katastrophen abgespielt. Tausende von Menschen, die zum Teil bereits den Ackerbau kannten, ertranken oder verloren ihre Heimat. Das geht bis in die historische Zeit. Der Zug der Kimbern und Teutonen soll dadurch ausgelöst worden sein, dass sie ihre Heimat durch Sturmfluten verloren hatten. Die Seevölkerwanderung um 1200 v. Chr., durch die die Philister nach Kanaan kamen, scheint ähnliche Ursachen gehabt zu haben.

Schmelzwasserseen

Das Abschmelzen der Gletscher führte nicht nur zum Steigen des Meeresspiegels; es entstanden durch das Schmelzwasser auch neue Meere wie die Ostsee. Das Schwarze und Kaspische Meer dürften ebenfalls in dieser Zeit entstanden sein. Mindestens führten aber die russischen Flüsse Djnepr, Don, Wolga und Ural, die diese Seen speisen. dermaßen viel Wasser, dass die Seen über ihre Ufer traten. Ganz  Kasachstan muss damals unter Wasser gestanden haben. Städte wie Wolgograd, Saratow, Uralek hätten damals am Ufer den Meeren gelegen. Nördlich des Kaukasus bestand zwischen beiden Meeren eine Verbindung über die Manytschsenke. Wo heute die südrussische Steppe ist, dehnte sich eine Wasserwüste aus. Auch hier müssen sich also furchtbare Katastrophen abgespielt haben, als dort bewohntes Land nach und nach im Wasser versank.

Was blieb den Bewohnern Südrussland anderen üblich, als sich in die Berge zu flüchten? Denn eine Flucht nach Norden war unmöglich, weil die ganze russische Niederung eine einzige Sumpflandschaft war. In den Bergen, im Kaukasus und in Armenien stauten sich also die Flüchtlinge, drängten Ureinwohner nach Süden ab und lösten ganze Lawinen von Völkerwanderungen aus.

Entstehung des Persischen Golfs

Ebenfalls nach dem Ende der Eiszeit dürfte der Persische Golf entstanden sein. Dieses flache Gewässer ist an den meisten Stellen kaum tiefer als 36 m (tiefster Punkt: 110 m) und könnte während der Eiszeit teilweise trocken gelegen haben.[a] Die Meerenge von Hormuz schließt das Flachmeer gegen den Golf von Aden ab, der über 5000 m tief ist. Euphrat und Tigris mündeten also wohl erst dort; ihr Flussbett stürzt wohl steil in den Ozean ab.

Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels könnte eine Flutwelle durch die Flussmündung ganz plötzlich mit verheerender Gewalt in die tiefer gelegenen Stellen des Golfs eingebrochen sein und die „sumerische Sintflut“ ausgelöst haben.

Vielleicht haben die Vorfahren der Sumerer in diesem später überfluteten Tiefland gelebt; ein paar konnten sich retten und erzählten die Geschichte ihren Nachkommen. Diese stellten sich dann vor, die Katastrophe hätte sich an der historischen Küste (damals bei Ur) abgespielt.

Im Gilgamesch-Epos XI 195f wird Utnapischtim („Noah“) unter die Götter aufgenommen und bekommt seinen Wohnsitz zugeteilt „fern an der Ströme Mündung“. Der ursprüngliche Wohnsitz des Helden, Schurippak, lag nur etwa 70 km von der damaligen Euphratmündung entfernt. Direkt an der Mündung lag die Stadt Ur. Die „Mündung der Ströme“ war also damals dicht besiedelten Land – keine Spur von einem mythischen Land, in dem die Götter wohnen. Diese Stelle lässt sich eigentlich nur verstehen, wenn wir annehmen, dass zur Zeit Utnapischtims die „Ströme“ Euphrat und Tigris sehr viel weiter südlich ins Meer geflossen sind.

Der eigentliche Held des Epos, Gilgamesch, wohnte in Uruk, das ein ganzes Stück näher am Meer lag. Um zu seinem Ahnen Utnapischtim zu gelangen, muss der Held durch den Berg Maschu und durch undurchdringliche Dunkelheit durch. Er kommt dann durch der Garten der Götter ans Meer, besteigt ein Schiff und erreicht nach weitem Weg das „Wasser des Todes“, das er nur rudernd durchqueren kann, und erst denn kommt er ans andere Ufer, wo sein Ahn Utnapischtim auf ihn wartet. Die mythischen Bilder Berg, Finsternis, Göttergarten, Schiff, Meer sind natürlich nicht auf geographische Verhältnisse zu übertragen. Klar ist jedenfalls, dass Gilgamesch ein längeres Stück Weg zurücklegen muss, bis er das Meer erreicht. Dass Utnapischtim nicht an der „Mündung der Ströme“, sondern jenseits des Meeren wohnt, zeigt, dass das Gilgamesch-Epos und Sintflutsagen nur lose miteinander verknüpft sind. Oder ist bei den „Strömen“ gar nicht an Euphrat und Tigris, sondern an andere Flüsse gedacht? Aber an welche?

Wir halten also fest: Sowohl aus der Sintflutsage als auch aus dem Gilgamesch-Epos geht hervor, dass zur Zeit Utnapischtims die beiden Ströme weiter südöstlich ins Meer flossen, Dies gibt Anlass zur Vermutung, dass die Urheimat der Sumerer der Persische Golf war.

Zusammenfassung

Den Sintflutberichten scheint also eine Erinnerung an katastrophale Überschwemmungen, u. a. in Südrussland und im Persischen Golf zugrunde zu liegen. Die Bewohner der bedrohten Gebiete suchten Zuflucht im kaukasischen und armenischen Bergland.

Das Völkergemisch in Armenien führte zur Entstehung neuer Völkerschaften und zum Kulturaustausch. Dass dort eine die Völkerwiege und ein wichtiges Kulturzentrum stand, braucht uns also nicht zu wundern,

Die Erinnerung an diese Ereignisse wurde exemplarisch festgehalten in der Sage von einem Stammesführer, der sein Volk in die sicheren Berge geführt hatte oder von einem Flottenkapitän, der seinem Volk eine neue Heimat gesucht hatte. Beide Sagentypen sind dann zu einem einzigen verschmolzen.

Die geschichtlichen Erinnerungen wurden ausgemalt und beschrieben in den Farben neuerer Erlebnisse von Sturmfluten z.B. in Mesopotamien, und dargestellt mit den uralten Bildern von den bedrohenden Wassern und der rettenden Arche.

Nachdem nun in Mesopotamien dieser überall in verschiedenen Formen bekannte Sagenkreis seine dichterische Gestalt gefunden hatte, und nachdem die sumerische und babylonische Kultur im ganzen Orient Schule machte, begann ein Typ von Geschichte die anderen Sagen zu überlagern und sich allgemein, durchzusetzen. Die babylonische Geschichte wurde auch in Palästina bekannt, von verschiednen biblischen Schriftstellern nacherzählt und theologisch neu durchdacht. Sie gelangte schließlich auch nach Griechenland und wurde den dortigen Verhältnissen angepasst. [2]

Dabei geriet nicht in Vergessenheit, wo die neue Heimat des Helden war, nämlich im Bergland hoch im Norden. Man begann aber im Laufe der Zeit, sich über den genauen Landungsort beziehungsweise. über den Berg Gedanken zu machen und verfiel schließlich auf den höchsten Berg Armeniens, auf den Großen Ararat, der vielleicht schon längere Zeit als heiliger Berg galt und Wallfahrtsort war. [3]

Quelle:http://www.heinrich-tischner.de/21-th/2bibel/exegese/urgesch/anlagen/6cwirkl.htm

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