verlorene Zeit

Das Telefon klingelte. Es war ein ungemütlicher, ein fast schon ärgerlicher Ton. Als ob es mich anschreien wollte:
„Nun heb schon ab.“
Ich konnte Telefone nicht leiden. In meiner Welt benutzten nur Feiglinge ein Telefon.
„Es tut mir leid, meine Mutter ist krank geworden.“
„Mein Sohn wurde gestern eingeschult.“
In meiner Welt werde ich nur von Leuten angerufen, die nicht den Mut aufbringen konnten mir ihre Lügen ins Gesicht zu spucken. Irgendwann hat mir meine Tochter ein Telefon geschenkt.
„Damit ich Dich immer erreichen kann, Papa.“

Sie hat nie angerufen.
Zum Klingeln des Telefons, gesellte sich auch der unbeschreiblich hohe Ton des Weckers. Ich freute mich auf eine kindliche Art und Weise ihn überlistet zu haben. Er wollte mich wecken, dabei habe ich ja nicht einmal geschlafen.
Ich stand auf, strich mir kurz durch die Haare und ging ins Bad. Eine eisige Kälte umfing mich. Ich heizte niemals im Bad. Viele behaupteten, ich wäre zu geizig zum Heizen. Natürlich war es erlogen, wie alles andere was man über mich behauptete. Vor noch gar nicht so langer Zeit, kämpfte ich gegen solche Lügen mit dem Mut eines Löwen. Ich wollte meine Familie vor dem Dreck schützen den man auf mir Lasterweise abgeladen hat. Wie ein Schild stellte ich mich vor sie. Nun, die Belohnung folgte auf dem Fuss. Ein Anruf vom Scheidungsanwalt.

„Aufgrund unüberwindbarer Differenzen zwischen Ihnen und Ihrer Frau, hat sie die Scheidung eingereicht.“

Ich habe mich nie beklagt, niemals aufgegeben, und ich habe es zu etwas gebracht. Ich bin Leiter einer im grösser werdenden Internetfirma. Im nachhinein war die Scheidung, das beste was mir je passieren konnte. Woher hätte ich den überhaupt die Zeit nehmen sollen mich um eine Familie zu kümmern. Doch ich will ehrlich sein, meine Tochter vermisse ich schon. Meine kleine Elisabeth, meine Lisa. Wie alt wird sie jetzt sein? Fünf oder sechs. Irgendwann hat sie mir erzählt, dass sie die Grundschule bestanden hat. Also doch schon 10. Ich habe schon so lange nichts von ihr gehört. Das letzte mal, als sie mir das Telefon schenkte.
Die Dusche spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Die leichte Müdigkeit, welche ich mir im Laufe der Nacht angesammelt habe, schien wie weggeflogen. Ich war wieder bereit, einen 16 Stunden Tag zu absolvieren. Die Welt war in Ordnung.
Den Weg zum Büro legte ich zu Fuss zurück. Ich tat dass schon seit vielen Jahre. Früher, habe ich mir immer eingebildet, dass mich der tägliche Spaziergang fit halten würde. Irgendwann habe ich eingesehen, dass die 5 Minuten, welche ich bis zum Büro zurücklegte nichts zu meiner Fitness beitragen würden. Trotzdem hielt ich an dieser Gewohnheit fest. Vielleicht weil es eine Gewohnheit aus alten Tagen war.
Im dritten Stock begrüsste mich wie immer meine Sekretärin.

„Tag Chef. Die Zeitungen liegen auf Ihrem Schreibtisch. Herr Müller bittet sie zurückzurufen. Die Berichte von der Marketingabteilung kommen gegen 15 Uhr. Ach und Herr Karsten hat sich telefonisch abgemeldet. Seinem Sohn ist krank.“

Da war es wieder, das verdammte Telefon.
„Ach und Chef, ihre Tochter wartet in Ihrem Büro. Ich hoffe es war in Ordnung.“

Ich war wie betäubt. Ich erinnere mich schon mal so gefühlt zu haben. Das war an dem Tag als ich Mariane mir gesagt hat, dass sie schwanger war. Ich atmete tief durch, sah entschlossen zur Tür und machte sie auf. Wieso war ich so erschüttert? Es ist doch ganz normal, wenn die Tochter den Vater besucht. Ganz normal, ganz normal…
Aber was war bei mir schon normal? Es war unangekündigt. Hätte sie angerufen, hätte ich gesagt ich hätte keine Zeit. Ein wichtiger Termin. Unaufschiebbare Geschäfte. Es verstösst doch gegen den moralischen Kodex einfach so hier zu erscheinen.
Ich ging in mein Büro. Sie stand mit dem Rücken zu mir und tat als ob sie mich nicht hören würde. Wir beide wussten, dass das nicht stimmte. Ich setzte mich auf meinen Stuhl. Sah zu ihr rüber. Sie drehte sich um.
Mein Gott sah sie schön aus. Sie kam ganz nach ihrer Mutter. Und so erwachsen.

„Vater, ich habe dich auf meiner Hochzeit vermisst.“

Alles begann sich um mich zu drehen. Hochzeit? Sie konnte doch höchstens 15 sein. Vielleicht 16. Zu jung zum Heiraten. Nach einigen Sekunden des Schweigens, sah ich mich auf meinem Schreibtisch um. Ein riesiger Berg von Pappieren türmte sich auf meiner Noch – zu – erledigen – Seite. Ein kleines Kärtchen ragte heraus. Auf der Vorderseite stand:

„Einladung zur Hochzeit von Elisabeth und Mark.“

„Tut mir leid Lisa. Ich hatte doch so viel zu tun. Kleines versteh das doch. Was soll ich Euch schenken?“

„Nenne mich nicht kleines. Ich bin immerhin 24. Und du sollst uns nichts schenken. Mir hätte gereicht, wenn Du dagewesen wärst. Ich habe noch nie Dein Geld gebraucht. Was ich brauchte war ein Vater. Aber Du warst ja nie da. Das letzte mal habe ich Dich gesehen, da war ich noch 13. Weißt Du noch, da schenkte ich Dir das Telefon. Ich dachte, dass wäre ein klares Zeichen gewesen. Damals dachte ich dass noch. Vater, 11 Jahre. 11 Jahre…“

25? 25? Diese Zahl schlug mir immer und immer wieder ins Gehirn. Wie ein Hammer der sich stetig auf meinen Kopf niedersenkte. Wie konnte Sie schon 25 sein? Doch höchsten 20. Vielleicht 21. Aber doch nicht älter.

„Es tut mir leid. Aber ich hatte doch so viel zu tun.“
Lisa schaute mich bemitleidend an.
„Vater, wann hast Du das letzte mal in den Spiegel geblickt?“
Ich wusste es nicht. Die Frage blieb im Raum stehen.
„Leb wohl, Vater. Leb wohl.“

Sie stand auf und ging aus meinem Büro.
Ich war geschockt. Schlagartig wurde mir klar, dass ich gerade meine Tochter verloren hatte. Einfach so. Ich sass immer noch in meinem Ledersessel. Es war mir unmöglich an etwas anderes zu denken. Meine 25jährige Tochter hat geheiratet und ich hab es nicht gewusst. Wie konnte dass passieren? Langsam stand ich auf. Ich zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete damit eine kleine Schublade in meinem Tisch. Ganz oben lag ein Foto auf dem ich und Lisa im Freizeitpark waren. Sie lachte und ihre wunderschönen blauen Augen lachten. Ich kramte und fand einen Spiegel. Ganz langsam legte ich ihn auf den Tisch.
Wie konnte Lisa 25 sein? So lang kann es ja noch nicht her sein. Sie war höchstens 23.
Nach 10 Minuten des Überlegens und Zweifelns griff ich zum Spiegel und hielt ihn mir vors Gesicht. Was ich dort sah schockierte mich. Ich sah einem alten Mann in die Augen. Ein alter Mann, mit faltigem Gesicht und grauem Haar. Das konnte doch nicht ich sein.
Ich stand auf. Meine Füsse gaben nach, so dass ich mich am Tisch festhalten musste. So stand ich einige Minuten. Danach verliess ich das Büro.

„Chef?“

Ich beachtete meine Sekretärin gar nicht. Der drang frische Luft zu schnappen überwältigte mich fast. Als ich am Fahrstuhl stand, rechnete ich kurz nach. Zum Dach war es eindeutig schneller. Im Fahrstuhl musste ich laut lachen. Ja, so war ich immer. Sogar in solchen Situationen beherschte mich die Logik bis in das letzte meiner grauen Haare. Der Fahrstuhl öffnete sich und ich ging durch eine Tür auf das Dach. Kalte Luft umströmte mich. Langsam schritt ich zum Rand des Daches. Ich war noch nie auf dem Dach gewesen. Ich blickte runter. Obwohl es nur der 5 Stock war, kam mir unten alles so klein und unbedeutend vor. So weit weg.
Ich sprang.
Es war die erste spontane Handlung der letzten Jahre. Ich sprang. Irgendwo zwischen dem 2 und dem 3 Stock wurde mir bewusst:

Sie war 25.

 

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