Geburt ala Egypt

Andere Länder andere Sitten. Ich stand wieder mal da wie ein Schaf ohne Herde, die rosaroten Schokoladenhörner hingen vor lauter Schreck schlaff hinunter…

Aber alles langsam. Zuerst das Telefon: Geburt unseres Enkels (Leser bemerkt, es ruft anscheinend nicht die Mutter oder der Vater selbst an, da zu beschäftigt…) . Herzliche Gratulation, mabruk, mabruk! Name? Muss man das noch fragen? Wenn nicht Muhammad, dann sicher Mahmud, nein? Ja dann: Ahmed! Hundert Punkte für die Kandidatin.

Aqiqa ist angesagt. Was das ist? Dies ist ein vorislamischer Brauch, der es durch sogenannte religiöse Erzählungen in die moderne Zeit hinübergeschafft hat.Wird zelebriert ungefähr nach einer Woche – natürlich wird (der Sitte entsprechend) ein Schaf geopfert oder zwei, je nachdem ob das empfangende Glück männlich oder weiblich ist. Ungerecht? Sagen sie das ja nicht zu laut, im Islam sind Männer und Frauen gleichwertig, auch wenn die Praxis an vielen Orten der verbreiteten Theorie widerspricht…

Um gerecht zu sein, die Sitte des Schlachtens ist so schlecht auch nicht, da das Fleisch weder sinnlos geopfert, verbrannt oder verscharrt wird wie in anderen Kulturen üblich, sondern als praktische Fleischabgabe, eine Spende und so eine wirkliche Hilfe für die armen Schichten darstellt. Eigentlich alles in allem eine gute Sache. Die Ägypter lieben Fleisch und Partys und finden immer wieder neue Gründe, um ihrer Lust zu frönen….

Also gehen wir los, das Fleisch ruft. Es ist ein Affront gegen jegliche gute Sitten und Gebräuche, würden wir die Einladung ablehnen. Es zählt als Sunna, was bedeutet, dass dies anscheinend der Prophet selbst so angeordnet haben soll…

Nach einer halben Stunde im Kreis rumfahren- der Leser stellt sich bitte ein riesiges Chaos vor. Esel und Pferdekarren plus Mist sind auf den Strassen sind keine Seltenheit, Abfallberge häufen sich, Kinder spielen auf der Strasse Fussball und die Strassen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. So ist auch mancher Taxifahrer schlicht und einfach überfordert. Schulen gibt’s wie Sand am Meer und sich an ihnen zu orientieren, fällt sichtlich schwer. Aber oh Wunder, wir finden die angegebene Adresse und werden schon von weitem mit dröhnender Musik empfangen- Wie mag wohl das Neugeborene darauf reagieren? Kein Wunder sagt man den Arabern Taubheit nach, dies ist eine vollkommend natürliche Schutzfunktion gegen den Lärmpegel, der alles übersteigt, was meine Ohren schon gehört haben.Das Treppenhaus schmücken Girlanden von blutigen Handabdrücken- mir wird jetzt schon halb schlecht.

Sobald in der Wohnung wird geküsst und ge“mabrukt“ und Frau wird ins heilige Schlafzimmer der Hausherrin geführt. Es wimmelt von Verwandten ihrerseits, die extra aus allen Winkeln des Landes angereist sind, um in der ersten Woche den frischgebackenen Eltern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Für mich sehr chaotisch und ich frage mich, ob die arme Mutter nicht doch in all diesem Trubel lieber einfach ihre Ruhe hätte mit ihrem Baby? Ich wage nicht zu fragen.

Ahmed ist allerliebst und gibt die ganze Zeit keinen Pips von sich. Entweder ist er so geschockt oder vielleicht liegt es an der „Einbindung“? Das arme Ding kann sich ja nicht rühren. Vier Schichten Babykleider, danach wird das Paket richtig gebündelt- fehlt nur noch die Schnur und es wäre postbereit. Mir tut Ahmed leid- verschnürt, herumgereicht und in die Wiege gelegt. Was sind wohl seine Empfindungen?

Araber haben kein Herz`? Araber sind kalt und emotionslos? Kein Wunder….

Aber es geht noch weiter: Nach dem obligatorischen Schafeessen – wehe du weigerst dich- wird zum eigentlichen Ereignis gerufen. Die sogenannte „Sobua“, ein Ritual, das von fast allen Ägyptern frisch fröhlich weitergelebt wird, ohne eine Sekunde über die Sinnlosigkeit und der Ähnlichkeit der vorislamischen Götterverehrung und -opferung nachzudenken: Das Baby -sprich das Bündel- wird in eine extra für diesen Anlass gekaufte Wiege gelegt, dann werden verschiedenste Samen und Körner über die Anwesenden verstreut und alle setzen sich in Bewegung, um das Bündel der Anbetung (das Baby) im Gegenuhrzeigersinn siebenmal (!!!) zu umkreisen dazu werden Segenswünsche gerufen. Mir kommt da das Märchen der Gebrüder Grimm in den Sinn mit dem Dornröschen- Es scheint, die Welten treffen sich im Götter- und Feenglauben wieder…

Nachher sind alle zufrieden, das Bündel gewappnet für sein Erdendasein und die gesamte Verwandtschaft verabschiedet sich.

Fazit der ganzen Geschichte: Ein riesiges Loch im Portemonnaie der Eltern, ein riesiges Chaos im Haus, ein geschocktes Baby und eine todmüde Mutter. Von meiner Seite kommen noch Kopfschmerzen, die die ganze Nacht nicht weggehen hinzu.

Willkommen in Egypt!

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